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Worauf warten wir im Advent? –#

Die verdrängte Wiederkunft des Herrn#


Von

Heribert Franz Köck

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 279/2018


„Advent (lateinisch adventus „Ankunft“), eigentlich adventus Domini (lat. für Ankunft des Herrn), bezeichnet die Jahreszeit, in der die Christenheit sich auf das Fest der Geburt Jesu Christi, Weihnachten, vorbereitet. Zugleich erinnert der Advent daran, dass Christen das zweite Kommen Jesu Christi erwarten sollen.“ Von dieser in der wahrscheinlich weltweit am meisten benutzen Enzyklopädie[1] gegebenen Definition unterscheidet sich jene im Lexikon für Theologie und Kirche nur durch deren Knappheit und größeren theologischen Gehalt: „Advent (v. lat. adventus, Ankunft, griech. ἐπιφάνεια, Erscheinung), Vorbereitungszeit auf das Geburtsfest Christi, verweist auf das Kommen des Erlösers in „Knechtsgestalt“ (Inkarnation) und lenkt gleichzeitig den Blick auf sein Kommen in Herrlichkeit (Parusie).“ [2]

Die Formulierungen „Zugleich erinnert der Advent“ und „lenkt gleichzeitig des Blick auf“ zeigen, dass für die Verfasser beider Definitionen Weihnachten (in der Ostkirche: Erscheinung des Herrn) im Vordergrund steht und der endzeitlichen Wiederkunft des Herrn (Parusie) nur eine Nebenrolle zukommt. Das ist umso erstaunlicher, als die Geburt des Herrn in der Kirche liturgisch erst seit dem 4. Jahrhundert gefeiert wird, im Westen bald auch auf den 25. Dezember gelegt,[3] während in der Ostkirche die Feier der „Epiphanie“ (Erscheinung des Herrn) am 6. Jänner den Hauptfesttag bildet.[4] Im Gegensatz dazu begleitet die Erwartung der Parusie die Kirche von Anfang an, wie ihr vielfältiger Niederschlag im Neuen Testament zeigt![5] Diese Akzentverschiebung von der Parusie auf die Geburt des Herrn mag mehrere Gründe haben, von der enttäuschten Naherwartung bis zum Umstand, dass die Parusie – soweit man sie nicht mit dem Tod des einzelnen Menschen beginnen lässt – auf ein erst in unbestimmter Zukunft (und wohl: „noch lange nicht“) stattfindendes Ereignis hinweist. Man kann dieses also nicht auf ein bestimmtes Datum festlegen und daher auch nicht an einem solchen vorweg feiern. Einen Festtag der Parusie im liturgischen Kalender einzuführen, hat die Kirche jedenfalls verabsäumt. Vielleicht aufgrund des Umstandes, dass dies auch als eine Erinnerung an den voraussichtlich viel früher zu erwartenden Tod des Einzelnen gedeutet werden könnte und die Menschen in der Regel eher abgeneigt sind, an ihren eigenen Tod erinnert zu werden, geschweige denn, ihn zu feiern. So meinte man wohl, der Festtag von Allerheiligen und der Gedenktag von Allerseelen müssten einen ausreichenden Anstoß bieten, sich über das Zeitliche und Ewige Gedanken zu machen.

Immerhin endet das alte und beginnt das neue Kirchenjahr, dessen Beginn mit dem Advent zusammenfällt, liturgisch mit einem Evangeliumsabschnitt, in dem Jesu Endzeitrede einen zentralen Platz einnimmt.[6] Aber das kann nicht kaschieren, dass in der Adventzeit diesem Thema liturgisch und in der Verkündigung nur ein untergeordneter Platz zufällt. Jeder, der noch regelmäßig die Sonntagsgottesdienste besucht, kann das selbst feststellen. An wie vielen von diesen Gottesdiensten in der Adventzeit wird über das vergangene Kommen Jesu zu Weihnachten gepredigt, und an wie vielen über das noch ausstehende Kommen Jesu Christi am Ende der Tage? Wenn es hoch geht, über letzteres einmal. Der Advent ist eine Retrospektive.

Für diesen Zweck der Akzentverschiebung werden in der Adventzeit sogar biblische Stellen aus dem Zusammenhang gerissen. Der liturgische Name des dritte Adventsonntags ist „Sonntag Gaudete“ – Freuet euch, der Herr ist nahe. Das ist ein Zitat aus dem Brief des Paulus an die Philipper[7] und meint natürlich das endzeitliche Erscheinen des Herrn – mit Weihnachten hat das gar nichts zu tun. Auch sonst spricht Paulus, sprechen aber auch die Autoren der anderen neutestamentlichen Briefe, nur von der kommenden, nicht von der vergangenen Ankunft des Herrn.

Aber Kindern und Erwachsenen wird am dritten Adventsonntag erklärt, dass die Kirche an diesem Tag statt des düsteren Violetts deshalb das freundliche Rosa zur liturgischen Farbe habe, weil „jetzt bald Weihnachten kommt.“ Diese Fehldeutung ist freilich nicht allein die Schuld der Prediger; die offizielle Kirche hat sie dadurch veranlasst, dass sie an die Stelle des Wachens und Betens in Vorbereitung auf die Parusie die Vorbereitung auf Weihnachten gesetzt hat. Dazu passt die liturgische „Garnierung“ der Adventzeit mit Festen, die dort überhaupt nichts verloren haben, aber regelmäßig zu Missverständnissen Anlass geben. Ein Beispiel dafür ist das Fest der „Unbefleckten Empfängnis“ Marias am 8. Dezember. Von dem glauben viele, es habe mit der Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist zu tun. Sei doch Maria von jedem natürlichen Sexualakt verschont worden und damit „unbefleckt“ geblieben; es galt ja als (lange) feststehende Lehre der Kirche, dass mit jedem Zeugungsakt wegen der Begierde (concupiscentia) (zumindest) des Mannes die Erbsünde übertragen würde wie eine ansteckende Krankheit. Es geht aber bei diesem Fest nicht um die Zeugung Jesu durch den Heiligen Geist, sondern um einen besonderen Gnadenakt Gottes an Maria, der darin besteht, dass ihre Eltern sie „ohne Makel der Erbsünde“ gezeugt haben, damit der Mensch Jesu, der natürlich auch „ohne Makel der Erbsünde“ empfangen worden ist, nicht im Bauche eines Weibes heranwachsen musste, das ihrerseits von der Erbsünde befleckt war.[8]

Diese Begründung für die Ausnahme Marias von der Erbsünde ist freilich nicht logisch; denn hätte Jesus, um mit der Erbsünde nicht „in Berührung“ zu kommen, also gleichsam nicht „kontaminiert“ zu werden, durch eine Mutter empfangen werde müssen, die ihrerseits bereits von Anfang an von der Erbsünde befreit war, dann hätten auch schon die Eltern Marias von der Erbsünde befreit sein müssen. Maria wäre ja sonst durch das Heranwachsen im Bauche eines Weibes, das ihrerseits von der Erbsünde befleckt war, ebenfalls mit der Erbsünde „in Berührung“ gekommen. Will man logisch konsequent sein, dann müssten man annehmen, dass alle Vorfahren Marias (oder zumindest deren weibliche Linie) „ohne Makel der Erbsünde“ empfangen worden seien. Ein solcher Regressus, der erst bei der ersten Frau, also Eva, enden könnte, setzt aber voraus, dass diese auch nach dem Sündenfall noch im Status der völligen Sündenlosigkeit geblieben sei, was freilich weder mit der Heiligen Schrift noch mit der Lehre der Kirche vom Sündenfall zusammengeht. Wenn man aber irgendeinen Einschnitt in dieser Kette machen muss, dann würde es dem Sparsamkeitsprinzip[9] entsprechen, ihn im allerletzten Augenblick anzusetzen, Maria also mit der Überschattung durch den Heiligen Geist, d.h. mit der Empfängnis Jesu, als von der „Makel der Erbsünde befreit“ anzusehen.[10] Noch mehr würde es diesem Prinzip entsprechen anzunehmen, dass Jesus durch einen besonderen Akt Gottes von den negativen Folgen eines Mit-der Erbsünde-in-Berührung-Kommens und damit von der „Kontaminierung“ ausgenommen worden sei, wie die Kirche das seit 1864 bei Maria tut.

Aber auch sonst ist der Advent mehr zu einer Art Begleitung Marias während ihrer Schwangerschaft geworden, z.B. beim Besuch ihrer Verwandten Elisabet.[11] Josef hat daneben in der Bibel nur eine vergleichsweise bescheidene Rolle,[12] aber die spätere Konzentration auf die hl. Familie hat doch dazu geführt, dass ein wenig naive, biblisch und theologisch nicht bewanderte Christen zur Annahme gelangen konnten, diese hl. Familie, also Jesus, Maria und Josef, sei die hl. Dreifaltigkeit. Die Volksfrömmigkeit hat dazu das Ihre beigetragen, indem sie sich in Geschichten und Liedern erging, die oft von den neutestamentlichen Apokryphen inspiriert waren, auch wenn diese wegen mangelnder Glaubwürdigkeit nicht in den neutestamentlichen Kanon aufgenommen wurden.1[3]

Das alles hat dazu beigetragen, dass die Adventzeit heute von einem Rummel beherrscht wird, der auf Kinder und kindliche Erwachsene abstellt, aber nichts zu tun hat mit dem eigentlichen Gedanken des Advents, nämlich dem Hinweis auf die Ankunft des Herrn und die Notwendigkeit, immer für diese bereit zu sein: „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, (so) wie (man in) eine Falle (gerät); denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.“ Lk 21, 34-36. Vgl. auch Mt 24, 42-44: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ Und Mt 24, 36: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ Der Advent sollte aufrütteln, nicht einschläfern! Wann wird die Kirche ihm wohl diesen Charakter zurückgeben?

Fußnoten#

[1] Wikipedia, Advent, https://de.wikipedia.org/wiki/Advent
[2] Andreas Heinz, Advent, in: Walter Kasper (Hrg.), Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 1, Freiburg-Basel-Rom-Wien: Herder, 1993, 171.
[3] Vgl. Susan K. Roll, Weihnachten, in: Walter Kasper (Hrg.), Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 10, Freiburg-Basel-Rom-Wien: Herder, 2001, 1017 ff. Dabei spielte die Ersetzung des zur Wintersonnenwende gefeierten „Sol invictus“ durch die Feier der Geburt Jesu eine vorrangige Rolle. Vgl. ebd., 1018.
[4] Vgl. Manfred Hutter (I.) Thomas Söding (II.) und Franz Nikolasch (III), Epiphanie, in: Walter Kasper (Hrg.), Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 3, Freiburg-Basel-Rom-Wien: Herder, 1995, 719 (I.), 719 f. (II.) und 720 ff.(III.)
[5] Vgl. Walter Radl (I.) und Medard Kehl (II.), Parusie, in: Walter Kasper (Hrg.), Lexikon für Theologie und Kirche, 3.Aufl., Bd. 7, Freiburg-Basel-Rom-Wien: Herder, 1998, 1402 ff. (I.) und 1404 f. (II.)
[6] Vgl. Mt, 24, 3-14, Mk 13, 3-10; Lk 21, 7-19.
[7] Phil 4, 4-5
[8] Vgl. Franz Courth, Unbefleckte Empfängnis Marias, I. und II., in: Walter Kasper (Hrg.), Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 10, Freiburg-Basel-Rom-Wien: Herder, 2001, 376 ff.
[9] Vgl. die Nr. 254 der „Gedanken“, die dem Thema „Das Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft und seine Anwendung in der Theologie“ gewidmet ist.
[10] Bis zur Verkündung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Marias“ durch Papst Pius IX. 1864 wurde diese Auffassung von der nachträglichen „Entsündigung“ Marias von Thomas von Aquin und der Thomistischen Schule vertreten, während Johannes Duns Scotus und die Franziskanische Schule für eine Lösung im Sinne des späteren Dogmas eintrat. Alle Vorgänger Pius‘ IX., die mit dieser Frage befasst wurden, hatten beide Auffassungen zugelassen und ihren jeweiligen Anhängern verboten, die andere Seite zu verketzern. Vgl. dazu auch die Nr. 277 der „Gedanken“, wo diese Frage ebenfalls behandelt wurde.
[11] Vgl. Lk 1, 39-56.
[12] Im Lukas-Evangelium kommt er erst in Zusammenhang mit der von der römischen Besatzungsmacht angeordneten Eintragung in die Steuerlisten vor, wozu sich „jeder in seiner Vaterstadt“ begeben musste, weshalb Josef „mit seiner Verlobten Maria, die ein Kind empfangen hatte, von Nazaret in Galiläa hinaufzog nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.“ Vgl. Lk 2, 1-4. Im Matthäus- Evangelium erscheint er bereits früher als „Gerechter“, der Maria wegen des Kindes, das sie erwartete, das aber nicht von ihm war, nicht bloßstellen, sondern in aller Stille entlassen wollte. Davon wurde er aber durch einen Engel, der ihm im Traum erschien und ihn über die Empfängnis Jesu vom Heiligen Geist aufklärte, abgehalten. Vgl. Mt 1, 18-5.
[13] Sie finden sich abgedruckt in Klaus Berger/Christiane Nord (Übersetzer und Herausgeber), Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 3. Aufl., Frankfurt/Main-Leipzig: Insel Verlag 2017.