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Das Verhängnis, nicht zuzuhören#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 39/2012


Am heutigen Sonntag ist das Fest der Heiligen Katharina von Siena. Am Morgen sprach eine Dominikanerin in Radio Stephansdom über diese Frau des Mittelalters, die später den Rang einer Kirchenlehrerin erhielt. Sie habe mit dem Reden nicht gewartet, bis sie gefragt worden sei, sondern ihre Stimme für Reformen der Kirche erhoben. So soll sie ja maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Päpste von Avignon wieder nach Rom zurückkehrten.

Doch nicht immer hörten die Päpste auf Menschen, denen das Wohl der Kirche ein brennendes Anliegen war. Jan Hus wurde als Ketzer von einem Konzil auf dem Scheiterhaufen ermordet, hundert Jahre später Luther gebannt und die Christenheit neuerlich gespalten. Es fehlte gänzlich an dem, was man heute Diskussionskultur nennt: Bei auftretendem Widerspruch die Argumente des Anderen zu hören und sich damit auch in der Form bemüht auseinanderzusetzen, dass man den eigenen Standpunkt kritisch überprüft.

Zu wenig wird auch heute bedacht, dass Jesus selbst ein höchst beeindruckendes Beispiel dieser Haltung bot. Es wird berichtet, dass er einer heidnischen Frau die Heilung ihrer Tochter verweigerte. Nachdem sie ihm widersprochen hatte, änderte er seine Haltung mit den Worten „weil du das gesagt hast“ (Mk 7,25-30; Mt 15,21-28). Offensichtlich wollte der Evangelist damit beschreiben, dass Jesus das Verständnis seiner Sendung im Laufe seines Wirkens änderte. Er erkannte, nicht nur zum Volk Israel gesandt worden zu sein. Eine Frau (!) führte ihm das erfolgreich vor Augen.

Machen wir nun den Sprung in die Gegenwart. Papst Benedikt hat neulich auf die Anliegen der Pfarrerinitiative mit einer Zurechtweisung reagiert, aber andererseits eingeräumt, dass diese aus Sorge um die Kirche handle (vgl. „Gedanken“ Nr. 37 v. 6. ds.). Doch der Wunsch, ihre Argumente in Rom vorzutragen, wird mit der Begründung abgelehnt, es handle sich um ein „Pastoralproblem“. Ein solches wäre vom zuständigen Bischof zu regeln. Es geht ja „nur“ um 400 von 400.000 Priestern. Sie zählen in ihrer Bedrückung angesichts einer immer mehr unmöglich werdenden Seelsorge also weniger als für Jesus eine heidnische Frau.

Ganz offensichtlich wird der Aufschrei angesehener Geistlicher, sobald er nicht mehr ignoriert werden kann, nur als lästiges disziplinäres Problem angesehen, das man los werden will. Kirchenmenschen hätten ja gehorsam zu sein, sogar mit Radikalität. Doch wie jämmerlich ist dieses „Argument“ angesichts der Haltung Jesu! Der Papst sieht sich als dessen Stellvertreter, aber er verhält sich ganz anders als der, in dessen Auftrag er zu handeln vorgibt. Wenn man arrogante Überheblichkeit beschreiben will, sagt man, dass sich der Betreffende „päpstlicher als der Papst“ verhalte. Im vorliegenden Fall wäre das in „göttlicher als Gott“ abzuwandeln.

Ein moralisches, ein theologisches Problem? Nein, es geht hier einfach um eine tief sitzende Fehlhaltung der Hierarchie als Ursache der Kirchenkrise. Dialogverweigerung lässt eine höchst schädliche Verblendung erkennen. Die Meinung, man habe immer und überall allein recht, ist eine Wahnvorstellung. Sie wird von einer anderen Haltung kirchlicher Obrigkeit begleitet, die zumindest ebenso verhängnisvoll ist, nämlich der Angst. Man hält sich die Ohren zu, denn man weiß, man könnte von Problemen hören, die den eigenen Standpunkt erschüttern. Also gebietet man Schweigen und Gehorsam.

Im Namen jenes Jesus, der es als wertlos betrachtete, nur die Brüder (die „Piusbrüder“?) zu grüßen und sich nur jenen zuzuwenden, die einen lieben (Mt 5,46-48). Hörte er doch immer aufmerksam zu und trug uns auf, gleich zu handeln, auf Gott und die Stimme in unserem Herzen zu hören. Und ebenso auf unseren Nächsten, dessen Tun wir niemals von vorneherein verwerfen sollten. Ebenso wird uns geboten, zu reden. Vor allem dann, wenn wir Sorge empfinden, wenn wir meinen, die Dinge könnten zum Besseren gewendet und die Sache Jesu wieder wirksam vertreten werden. So wie es Katharina von Siena tat.

Sie gilt als Lehrerin der Kirche. Heute würde sie vielleicht dem Papst raten, die Mauern Roms zu verlassen. Nicht, um wieder nach Avignon zurückzukehren oder nur Reisen zu unternehmen, wo kirchliche Wahrheiten bei perfekt inszenierten Großveranstaltungen gepredigt werden. Sondern vielmehr, um zu den Menschen zu gehen und zu hören. Wäre Benedikt ein großer Papst, würde er in väterlicher Sorge und christlicher Demut sogar zu den – ja eigentlich seinen! – zutiefst beunruhigten Priestern kommen. Damit sie ihm erzählen können, was das Volk und sie als dessen Hirten bewegt.

Ein Traum, dessen Erfüllung das Vatikanregime verhindern wird. Der Traum einer Kirche, die Zukunft hat, weil sie auf den Spuren Jesu wandelt.