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Erdoğans fatale Retro-Politik #

Die von Recep Tayyip Erdoğan verfügte Rückführung der Hagia Sophia zur Moschee ist alles andere als zukunftsweisend. Der türkische Präsident übersieht vielmehr die Zeichen der Zeit. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (23. Juli 2020)

Von

Dietmar W. Winkler


Politik mit Religion. Der türkische Präsident vor der Hagia Sophia am 19. Juli 2020. Am 24. Juli soll das erste Gebet in der altneuen Moschee stattfinden
Politik mit Religion. Der türkische Präsident vor der Hagia Sophia am 19. Juli 2020. Am 24. Juli soll das erste Gebet in der altneuen Moschee stattfinden.
Foto: APA / AFP / Turkish Presidential Press Service / Handout

Am Freitag, dem 24. Juli 2020, ist es also so weit: Die Hagia Sophia, die Kirche der Heiligen Weisheit, wird wieder Moschee. Zweifelsohne wird Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan das erste Freitagsgebet seit der Umwandlung in ein Museum durch den Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk als politische Bühne und Inszenierung nützen. Bedurfte es überhaupt noch eines Beweises, wie sehr Religion – ohne Rücksicht auf ihre Kernbotschaften – politisch instrumentalisiert wird, so liefert das türkische Staatsoberhaupt hier ein jüngstes prominentes Beispiel mit weltweiter Wirkung.

Die Aufmerksamkeit ist zweifellos auf seiner Seite: Politiker, Religionsführer und Kommentatoren ergründeten, warum Erdoğan diesen Schritt setzt und wohin die politisch-religiösen Signale gehen. Diagnostiziert wurden Machtdemonstration, Ablenkung von innenpolitischen Schwierigkeiten und wirtschaftlichen Problemen der Türkei, Erringung der Deutungshoheit von Kultur und Geschichte, ein Signal in eine vielschichtige islamische Welt, eine Provokation gegenüber Europa und dem Christentum. Mit Religion hat das wenig zu tun, schon gar nicht mit heiliger Weisheit, die man dieser Art der Politik kaum zusprechen wird können.

Politisches Symbol seit jeher #

Die Hagia Sophia selbst wird es eher gelassen sehen, ist es doch ihr Schicksal von Anfang an. Kaiser Justinian, der diesen größten und bedeutendsten Bau oströmisch- byzantinischer Architektur in der unglaublich kurzen Bauzeit von nur fünf Jahren (532–537) errichten ließ, steht am Beginn der Machtpolitiker. Mit der Rückeroberung Nordafrikas, Italiens und von Teilen Spaniens, wie auch im Kampf mit den persischen Sasaniden war er bestrebt, das Römische Reich in seiner alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Die vielfältigen Bauunternehmungen Justinians im gesamten Reich gipfelten unter anderem in Konstantinopel, der Hauptstadt des Römischen Reiches, im Neubau der Hagia Sophia und der anderen bedeutenden Kirchen des Oströmischen Reiches, der Apostelkirche und der Hagia Eirene. Die Hagia Sophia wurde verstanden als eine summa antiken Bauens und unerreichbare, unwiederholbare Leistung. Justinian hatte für seine Machtdemonstration und jene der nachfolgenden oströmischen Kaiser einen der genialsten Bauten errichten lassen.

Seit Konstantin dem Großen (4. Jh.) sahen sich die römischen Kaiser als irdische Sachwalter der Kirche. So war denn auch die Hagia Sophia zugleich Krönungskirche der Kaiser, Kathedrale des Patriarchen von Konstantinopel und damit Mittelpunkt der christlichen Ökumene insgesamt. Der spätere mittelalterliche Machtanspruch der Päpste in Rom hat im Westen vergessen lassen, dass die Hagia Sophia als Zentralkirche des gesamten Christentums erbaut wurde.

Dementsprechend erschüttert kamen die Reaktionen auf die nunmehrige, erneute Umwandlung in eine Moschee vor allem von der orthodoxen Kirche. Ihr wird ihr zentraler Bau gleichsam ein zweites Mal genommen. Der katholischen Kirche wird von Russen und Griechen eher vorgeworfen, dass sich der Papst zu verhalten geäußert habe, lediglich von „Schmerz“ beim Angelusgebet sprach, aber der entschiedene Protest ausblieb. Lediglich die katholische Bischofskonferenz Griechenlands habe sich vehement geäußert und nicht zuletzt auch der Weltkirchenrat, der 350 christliche Kirchen weltweit vertritt. Der Wirkung des Bauwerkes mit ihrer absoluten Größe, dem harmonischen Raumkonzept und den schimmernden Goldmosaiken konnten sich auch die osmanischen Machthaber nach der Eroberung Konstantinopels nicht entziehen. Die Hagia Sophia wurde 1453 von Sultan Mehmed II. ihrer christlichen Insignien und Dekorationen beraubt, mit Minaretten versehen und als Hauptmoschee adaptiert.

Die so zum Symbol osmanischer Macht und Herrschaft mutierte christliche Kirche wurde Vorbild jener Kuppelmoschee, die auch als Siegesmonument außerhalb der Türkei, d. h. auf dem Balkan, in Syrien, Ägypten und Nordafrika errichtet wurde. Ab den 1770er Jahren begannen die osmanischen Sultane überdies den Titel des Kalifen für sich zu verwenden und stellten sich somit als „Stellvertreter des Gesandten Gottes“ in die Nachfolge Muhammads.

Der Untergang des Osmanischen Reiches, der Umgang mit der arabischen Welt durch die Westmächte nach dem I. Weltkrieg und nicht zuletzt die Abschaffung des Kalifats 1924 durch Mustafa Kemal Atatürk haben die islamische Welt in eine historische Krise geführt, von der sie sich bis heute nicht wirklich erholte. Das kollektive muslimische Gedächtnis ist sich zweifellos der Symbolik der erneuten Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee bewusst, und demgemäß geht das politische Signal Erdoğans nunmehr auch in den Kulturraum des ehemaligen Osmanischen Reiches.

Geschichtliche Entwicklungen kann man jedoch nicht einfach zurückdrehen. Zunächst gilt es zu erkennen, dass Islamophobie unangebracht ist, denn es geht nicht um eine muslimische Aggression zur christlichen Demütigung, sondern um die politische Profilierung eines türkischen Staatspräsidenten. In Zeiten sinkender Popularität, schlechter Wirtschaftsdaten, Korruptionsvorwürfen und einer schwächelnden AKP spielt Erdoğan auf der Klaviatur der Machtdemonstration. Wie die weltweiten Reaktionen zeigen, eignet sich die Hagia Sophia tatsächlich wieder einmal dazu, dass sich ein Machtpolitiker präsentieren kann.

Über 900 Jahre als Kirche #

Die Hagia Sophia als UNESCO-Weltkulturerbe mit ihren einzigartigen Mosaiken wird die Türkei tunlichst nicht beschädigen, denn sie ist Istanbuls bedeutendster Tourismusmagnet und entsprechend wirtschaftsrelevant. Als Moschee benötigt wird sie ebenso nicht, gleich nebenan steht die monumentale Blaue Moschee.

Erdoğan sieht aber nicht die Zeichen der Zeit. Denn die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ist ebensowenig zielführend wie die – vielleicht von manchen erhoffte – Rückführung in ein christliches Gotteshaus. Nach über 900 Jahren als eine der bedeutendsten Kirchen der Christenheit, 480 Jahren Moschee und 86 Jahren als „neutrales“ Museum, wäre ein anderer Schritt zukunftsweisend gewesen als die demonstrierte Retro-Politik. Erdo- ğan hat die Chance vertan, die Türkei als Brücke zwischen Ost und West zu positionieren und das Weltkulturerbe Hagia Sophia zum Zeichen des Dialogs der Religionen und Kulturen zu machen.

Der Autor ist Professor für Patristik und Kirchengeschichte an der Universität Salzburg.

Die Furche, 23. Juli 2020