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Wach werden auf Litauisch #

Der Ukraine-Konflikt hat in Litauen das politische Bewusstsein geschärft: Politik ist wichtig, Europa umso mehr. Bekenntnisse eines Schriftstellers. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 23. März 2017)

Von

Eugenijus Ališanka


Truppenparade anlässlich eines NATO-Manövers in Litauen
Suche nach Allianzen. Truppenparade anlässlich eines NATO-Manövers in Litauen. Die Litauer wie auch die Esten und Letten fühlen sich durch Russland bedroht. Würde die NATO im Ernstfall helfen?
Foto: imago / Xinhua

Vor nicht allzu langer Zeit stellte mir ein Journalist bei einem Interview die Frage, ob ich ein politischer Schriftsteller sei. Diese Frage hat mich überrascht und einen Augenblick lang beinahe sogar gekränkt, deshalb habe ich ohne Zögern erwidert: nein, das bin ich nicht. Ich war mir sicher, dass ich kein politischer Schriftsteller bin. Aber seither lässt mich diese Frage nicht los, sie wirft eine Reihe anderer hartnäckiger Fragen auf, die ich zu beantworten suche. Was ist ein politischer Schriftsteller? Muss ein Schriftsteller politisch engagiert sein? Kann er schreiben, wenn er Politik ignoriert? Warum versuche ich mich als unpolitischer Schriftsteller zu definieren? Aus Angst, dass ich andernfalls vielleicht als schlechter Schriftsteller gelten könnte?

Während der sowjetischen Besatzung waren die Beziehungen zwischen Schriftsteller und Politik kompliziert. Die meisten Schriftsteller versuchten, sich von der Politik fernzuhalten, außer jenen, die das Regime unterstützten. Selbst die Opposition, die mit der so genannten äsopischen Sprache, also verschlüsselten Gleichnissen, und mit Andeutungen ausgedrückt wurde, verwies meistens auf die anti-politische Haltung eines Schriftstellers. Vor allem, weil Politik als Teilnahme am Diskurs und an den Spielen der Machthaber verstanden wurde. Ein Schriftsteller war bemüht, sich abseits dieses Diskurses zu halten oder, bestenfalls, gegen ihn zu opponieren. Die Politik war so allgegenwärtig, dass man ihr in Oasen der „reinen“ Kunst zu entfliehen suchte.

Die Rückkehr nach Europa #

Litauen hat zum Untergang der Sowjetunion entscheidend beigetragen. Eine der Erfolgsformeln für den Zusammenbruch der UdSSR bestand im politischen Engagement der absoluten Mehrheit der Bevölkerung. Die Politik verlagerte sich vom Küchentisch auf die Straße. Die Literatur erlebte in den ersten Jahren nach der Wiederherstellung der litauischen Unabhängigkeit einen Niedergang, weil alle Menschen, selbst die Schriftsteller, mit dem Wiederaufbau des litauischen Staates beschäftigt waren.

Und schließlich begann der langwierige Prozess unserer Rückkehr nach Europa. Litauen gehört zu den Ländern, die sich am meisten über ihren Beitritt zur EU und zur NATO gefreut haben. Zum damaligen Zeitpunkt glaubten die meisten Menschen bei uns, dass die wichtigsten Ziele nun erreicht seien. Die weiteren Aufgaben des Staates wurden weniger von der Politik als vielmehr von der Wirtschaft übernommen. Das litauische Bruttosozialprodukt stieg, die Fördergelder von der EU wurden freudig entgegengenommen, die Handelszentren schossen wie Pilze aus dem Boden, und Litauen glich immer stärker den entwickelten Konsumgesellschaften der Europäischen Union.

Die Politik dagegen war Angelegenheit einer Handvoll Auserwählten, die weit oben und weit weg waren – im Parlament oder in Brüssel. In dieser Hinsicht erinnerte die Situation auf groteske Weise an die Sowjetzeit. Das änderte sich im Laufe von nur einem Sommer – dem Sommer des Jahres 2014. Die russische Annexion der Krim und der Krieg im Donbass waren für Litauen die schwerste Erschütterung seit der Unabhängigkeit: Sie stellte selbst die Krise von 2008 in den Schatten. Mit einem Paukenschlag hatte die Politik wieder Einzug gehalten.

Zuerst waren es die Situation und die Zukunft der Ukraine, bald auch von Litauen, dann von ganz Europa und schließlich der ganzen Welt, die zum wichtigsten Thema unserer Diskussionen, unserer Gespräche und sogar unserer Träume wurden. Besonders in meiner Heimat, in der das frühere Trauma noch längst nicht überwunden ist. Muss ich daran erinnern, dass ich in der Deportation geboren wurde, dass meine Eltern in Sibirien aufgewachsen sind und dass meine beiden Großeltern dort ermordet wurden?

Den ganzen Sommer 2014 habe ich tagtäglich unablässig die Kriegsereignisse in der Ukraine verfolgt, ich habe versucht, die ukrainische Armee mit kleinen Geldsummen zu unterstützen und einmal sogar ein Paket mit Wintersachen hingeschickt. Im Herbst des darauffolgenden Jahres beschloss ich, einen neuen Lyrikband zu veröffentlichen, deshalb habe ich an Texten gearbeitet, sie geschrieben und überarbeitet und bin trotzdem in den Pausen immer wieder zum Internet, zu den Kriegsberichten zurückgekehrt. Doch erst als mein Buch erschienen war, begriff ich, dass es keine einzige Zeile über den Krieg enthielt. Über das, was fast zwei Jahre lang mein Leben ausgemacht hatte. Da begriff ich, dass etwas nicht stimmte mit der Literatur. Oder mit mir. In diesem Fall – mit mir als Schriftsteller. Bedeutet es auch, dass ich kein politischer Schriftsteller bin?

Lethargische Politik #

Buchmesse in Leipzig
Litauen in Leipzig. Als Schwerpunktland der Buchmesse in Leipzig will sich Litauen als ein integrativer Bestandteil Europas präsentieren. Auch Eugenijus Ališanka wird in Leipzig anwesend sein.
Foto: APA / Jan Woitas / dpa

Seit zehn Jahren verlaufen bei uns die Wahlen zum litauischen und Europäischen Parlament lethargisch, die Menschen glauben nicht mehr an Veränderungen. Deshalb bekommen populistische Parteien, die sich im politischen Ödland bilden, immer mehr Zulauf. So konnte zum Beispiel die Partei der nationalen Erhebung 2008 die Wahl gewinnen. sie bestand aus Showstars und ihren Freunden. Heute ist von dieser Partei nichts mehr übrig, aber es war ihr gelungen, das Parlament in eine Reality Show zu verwandeln. Das 2016 gewählte Parlament begann seine Arbeit mit Skandalen. Die Umfragewerte des Parlaments sinken. Trotzdem vollzieht sich ein Wandel, selbst wenn er sich im Parlament kaum bemerkbar macht. Angesichts der Bedrohung und der geopolitischen Veränderungen nimmt das politische und soziale Interesse der litauischen Bürger zu. Das ist vermutlich Litauens größte Errungenschaft der letzten Jahre.

Die Büchse der Pandora #

Und dieser Wandel ist nicht nur auf die gewachsene Bedrohung aus dem Osten zurückzuführen. Wir haben allzu großes Vertrauen in den historischen Fortschritt gesetzt, wir haben uns vom wirtschaftlichen Fortschritt und der Hoffnung einlullen lassen, dass die EU alle schwierigen Fragen lösen und die NATO uns verteidigen wird, dass es ausreicht, wenn wir deren Anweisungen ausführen und die großzügig gewährten Gelder anständig verwenden.

Die Kriege in der Ukraine und in Syrien, der Terrorismus und die Flüchtlingsströme auf unserem Kontinent haben plötzlich die Büchse der Pandora, Verzeihung: der Europa geöffnet. Uns wurde klar, dass Europa immer weniger dazu in der Lage ist, die vielen Fragen zu lösen, dass seine Einheit eine Illusion ist, dass es sich immer weiter spaltet.

Litauen bekommt Zweifel daran, dass die NATO uns unter bestimmten Umständen verteidigen wird. Die Litauer verfallen deshalb nicht in Panik oder Hysterie, sie werden einfach politischer. Sie machen sich immer mehr Sorgen, sowohl um Litauen als auch um Europa. Eines ist klar – die Litauer brauchen Europa wirklich. Als Europäer wissen wir, was es bedeutet, keine Europäer zu sein, das haben wir am eigenen Leib erfahren. Und diese Erfahrung kann in den Diskussionen um die Schaffung einer neuen Vision für Europa nützlich sein. Wir möchten sehr daran glauben, dass dieses Europa nicht aus Ruinen auferstehen wird.

Bin ich ein politischer Schriftsteller? Was ist denn Politik? Und was ist ein Schriftsteller? Ich habe heute, ebenso wie Europa, mehr Fragen als Antworten.

DIE FURCHE, Donnerstag, 23. März 2017