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Kunstsinnige Krieger #

Das Weltmuseum widmet den Azteken eine Sonderausstellung – und verweist zugleich auf Prunkstücke aus der eigenen Sammlung.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (8. April 2021)

Von

Romana Holtemayer


Mictlantecuhtli. Die im Tempelbezirk entdeckte mehr als 100 Kilo schwere Keramikfigur des Herrschers über die Unterwelt war ursprünglich bemalt und mit einer Perücke ausgestattet.
Mictlantecuhtli. Die im Tempelbezirk entdeckte mehr als 100 Kilo schwere Keramikfigur des Herrschers über die Unterwelt war ursprünglich bemalt und mit einer Perücke ausgestattet.
Foto: © KHM-Museumsverband

Der imposante Quetzalfeder- Kopfschmuck aus dem frühen 16. Jahrhundert, der lange Zeit dem legendären Aztekenherrscher Moctezuma zugeschrieben wurde, ist wohl das berühmteste Exponat des Wiener Weltmuseums. Das einzigartige Objekt, das aus hunderten langen Federn des farbenprächtigen Quetzal-Vogels und mehr als tausend Goldplättchen besteht, wurde bald nach seiner Entstehung nach Europa gebracht und findet sich bereits auf der Inventarliste der Ambraser Kunst- und Wunderkammer aus dem Jahr 1596.

Eine Rückkehr nach Mexiko wurde aus konservatorischen Gründen ausgeschlossen, als der Kopfschmuck im Rahmen eines binationalen Kooperationsprojekts untersucht wurde. Seit der Wiedereröffnung des Weltmuseums 2017 ist das fragile Prachtstück deshalb in einer eigens dafür konstruierten Vitrine in der Dauerausstellung zu bestaunen. Der Quetzalfeder-Kopfschmuck bietet nun eine Ergänzung zur im Herbst eröffneten umfassenden Sonderausstellung zur Kunst und Kultur der Azteken, die mit mehr als 200 Objekten und Leihgaben aus mexikanischen und europäischen Museen aufwartet.

Sie selbst bezeichneten sich als Mexica, zur Zeit der Conquista um 1520 waren sie die unbestrittenen Herrscher über große Teile Mittelamerikas. Auf mehreren kleinen Inseln im Texcoco-See gründeten die Azteken um 1325 die Hauptstadt ihres Imperiums – Tenochtitlan, das heutige Mexiko-Stadt –, von wo aus sie ein multiethnisches Reich regierten, in dem mehrere Millionen Menschen lebten und zahlreiche Sprachen gesprochen wurden. Nur zwei Jahre brauchten die Konquistadoren, um dieses Imperium zu Fall zu bringen – nicht nur durch ihre überlegene Kriegstechnik und Bewaffnung, sondern auch durch die von Hernán Cortés und seinen Truppen eingeschleppten Krankheiten, die zahlreiche Opfer unter der indigenen Bevölkerung forderten.

Als Quellenmaterial für die faszinierende Kultur der Azteken dienten lange Zeit Berichte aus der Kolonialzeit, die die Eroberten oft als blutrünstig, barbarisch und missionierungsbedürftig darstellten. Die Ausstellung bemüht sich, die erhaltenen Artefakte und wenigen Primärquellen – dazu zählen in erster Linie die wie Leporellos gefalteten, meterlangen und oft farbenfrohen Bilderhandschriften mit religiösem, medizinischem oder geschichtlichem Inhalt – unter Bezugnahme auf das Fortleben der indigenen Kultur und deren Traditionen im Mexiko von heute zu deuten.

Ausreichend Raum wird dem Alltag im Hochtal von Mexiko, dem stark urbanisierten Kernland des vorkolonialen Imperiums, gegeben. Auf spielerische Weise werden Ernährung, Gesellschaftsstruktur und Sozialleben der kriegerisch geprägten Kultur veranschaulicht, in der aber auch kunstvolles Handwerk sehr geschätzt wurde.

Die stimmungsvoll gestalteten Räume der Schau bieten außerdem eine detaillierte Beschreibung der Inselstadt und Metropole Tenochtitlan – deren luxuriös lebende Bewohner ihre Häuser auf Kanus erreichten – mit ihrem gewaltigen, mit Tempeln, Schulen, Universitäten und rituellen Ballspielplätzen ausgestatteten sakralen Bezirk. Die Fundamente der charakteristischen Doppelpyramide zu Ehren des Regenund des Sonnengottes wurden erst in den späten 1970er Jahren zufällig von Arbeitern entdeckt – die spanischen Eroberer hatten den Tempel als Steinbruch benutzt, um direkt daneben eine Kathedrale zu errichten.

Wertvolle Opfergaben #

Der Herrscher des Aztekenreiches, der Hueitlatoani, residierte in unmittelbarer Nachbarschaft des Tempelbezirks in einer weitläufigen Palastanlage, die auch einen Zoo und botanische Gärten umfasste. Tenochtitlan war sowohl Verwaltungs- und Regierungssitz als auch kosmisches Zentrum des Imperiums.

Der letzte Raum der Ausstellung ist dem Schöpfungsmythos, der mithilfe einer Projektion auf eine im 3D-Druckverfahren entstandene Nachbildung des „Sonnensteins“ (einer monolithischen Skulptur aus dem Haupttempel von Tenochtitlan) erzählt wird, und dem hoch entwickelten Kalender der Azteken gewidmet. Die Erschaffung des Universums hatte den Göttern nach aztekischem Glauben einiges abverlangt, weshalb man sie im Ritus dafür entschädigen wollte. Die wertvollste Opfergabe stellte das menschliche Herz dar – doch wurden den Göttern auch Nachbildungen desselben aus kostbaren Materialien wie Gold oder Jade dargebracht, nicht immer floss in diesem Zusammenhang also Blut.

Azteken Weltmuseum Wien, bis 13. April (momentan geschlossen); Onlineführungen via www.weltmuseumwien.at

Die Furche, 8. April 2021