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Die letzten Prater-Könige#

Friedrich Holzdorfer und Liselotte Lang, Abkömmlinge bedeutender Praterdynastien, feierten ihren gemeinsamen 185er.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 17. Oktober 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Johann Werfring


Nikolai Kobelkoff, hier im Kreise seiner Familie
Der "Rumpfmensch" Nikolai Kobelkoff, hier im Kreise seiner Familie, war der Urgroßvater von Liselotte Lang.
Foto: © Sammlung Horky

Nachdem sie kürzlich in der an der Prater Hauptallee gelegenen Meierei im privaten Rahmen ihr gemeinsames "185-jähriges Bestandsjubiläum" gefeiert hatten, wurden sie gestern offiziell im Schweizerhaus vom Praterverband für ihre Verdienste um die älteste Vergnügungsstätte Wiens geehrt. Die Rede ist von den beiden "Prater-Urgesteinen" Friedrich Holzdorfer (95) und Liselotte Lang (90). Sie zählen zu den ganz wenigen, die in Wiens ältester Vergnügungsstätte noch die "Welt von gestern" repräsentieren.

Die beiden Jubilare haben etliche Gemeinsamkeiten: Beide entstammen Familien, die zu den ältesten und zugleich prominentesten Praterdynastien zählen. Beide erblickten direkt im Wiener Prater das Licht der Welt. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs hatten sie gleichermaßen schwere Schicksale zu erdulden. Nach dem Krieg trugen beide mit persönlichem Einsatz dazu bei, dass die Vergnügungsstätte wieder in Schwung kam und weiterhin florierte.

Friedrich Holzdorfer wurde am 2. Oktober 1922 in eine Familie hineingeboren, die im Prater schon im 19. Jahrhundert pionierhaft gewirkt hatte, etwa mit der Eröffnung des ersten Fahrrad-Karussells im Jahr 1871. Später knüpfte Holzdorfers gleichnamiger Vater an den Unternehmergeist der Altvorderen an. Unter anderem installierte er im Prater 1926 das erste Autodrom Europas, und im Jahr 1933 sorgte er im Prater mit der Eröffnung der weltweit ersten Geisterbahn (des "Geisterschlosses") für Furore. Seine zahlreichen Vergnügungsbetriebe und vielfältigen Aktivitäten trugen ihm den Beinamen "Praterkönig" ein.

Obwohl der "Praterkönig" seinen Sohn, den nunmehrigen Jubilar, vom Krieg fernzuhalten versucht hatte, erhielt Letzterer doch einen Einberufungsbefehl. Nach nur wenigen Tagen verlor der junge Mann ein Bein, womit der Krieg für ihn zu Ende war. Die schwere Verwundung hinderte Holzdorfer aber nicht daran, im Prater jahrzehntelang persönlich die Gokart-Bahn zu führen und gemeinsam mit seiner Ehefrau Margarethe in der Prater Hauptallee die Meierei zu betreiben.

Holzdorfer wohnt heute am Rande des Praters, die Meierei wird mittlerweile von seiner Enkelin Sabine Holzdorfer als Café-Restaurant mit Wiener und internationaler Küche sowie Tortenangebot geführt. Der Name "Meierei" rührt daher, dass das Gebäude ab 1924 von einer Wiener Molkerei geführt worden war (im alten Wien waren Abmelkbetriebe als "Milchmeier" bezeichnet worden). Bei dem Meierei-Pavillon in der Prater Hauptallee handelt es sich übrigens um eines der raren Gebäude, die von der Wiener Weltausstellung 1873 heute noch übrig sind.

Jubilarin Liselotte Lang, geborene Schaaf, erblickte am 1. Oktober 1927 ebenfalls direkt im Prater, unweit vom Riesenrad, das Licht der Welt. Ihr Urgroßvater August Schaaf war seit 1866 im Prater aktiv, er betrieb unter anderem ab 1896 den ersten Kinematograph von Stiller und Schaaf, weiters ab 1911 ein Aeroplankarussell sowie ein Rudersportkarussell. Der andere Urgroßvater war der legendäre, aus Russland eingewanderte Rumpfmensch Nikolai Kobelkoff. Der ohne Arme und Beine geborene Russe vollbrachte die erstaunlichsten Kunststücke, zum Beispiel vermochte er es, mit einem im Mund gehaltenen Pinsel Bilder zu malen, er konnte mit dem Gewehr umgehen und sogar Nähnadeln einfädeln.

Toboggan-Gründer#

Im Jahr 1876 heiratete er Anna Wilfert, die ihn auf ihren Armen zum Traualtar trug und ihm elf Kinder gebar. Kobelkoff, der mit seinen Kunststücken Kronprinz Rudolf und viele andere Menschen fasziniert hatte, gründete eine Reihe von Praterbetrieben, darunter die Manège Parisienne und der 1913 errichtete Toboggan.

Liselotte Lang und Friedrich Holzdorfer, Foto: © Milan Brantusa
Liselotte Lang und Friedrich Holzdorfer
Foto: © Milan Brantusa

Bereits im zarten Alter von acht Jahren hatte Jubilarin Liselotte Lang eigenständig ein Kinderringelspiel betreut, in weiterer Folge war sie in vielen Vergnügungsbuden tätig gewesen. Eine schwere Zeit durchlebte sie im Prater in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs: Während andere Unternehmer das Weite gesucht hatten, war ihre Familie vor Ort geblieben. Kurz vor Kriegsende lieferten sich Soldaten der Deutschen Wehrmacht und russische Kampfeinheiten im Bereich des Praters harte Gefechte. So erlebte sie als 18-jähriges Mädchen die kriegerische Auseinandersetzung hautnah mit. Als die Front herangerückt war, befand sie sich in einem im Zweiten Prater-Rondeau befindlichen Splittergraben, wo sie infernoartig das Zischen der Stalinorgeln und die heranbrausenden Flugzeuge mit ihren Bordwaffen wahrnahm. Als die Kämpfe vorbei waren, war der Prater praktisch dem Erdboden gleich gemacht.

Nach dem Krieg knüpfte die Familie der heutigen Jubilarin im Prater an die unternehmerische Tätigkeit an. Später heiratete sie Eduard Lang. Gemeinsam baute das Ehepaar eine Reihe von Praterbetrieben auf, im Jahr 1983 verfügte man bereits über acht Betriebsstätten.

Liselotte Langs Ehemann "Edi" hatte sich im Prater reichlich Ansehen erworben und wurde im Jahr 1980 zum Obmann des Praterverbandes gekürt. Nachdem er 1995 von der Weltenbühne abgetreten war, bezeichnete ihn Wiens Bürgermeister Helmut Zilk, der die Grabrede hielt, als "letzten König des Wiener Praters". Zwei Jahre darauf wurde er posthum mit dem nach ihm benannten "Eduard-Lang-Weg" geehrt.

Liselotte Lang, deren Tochter Silvia Lang heute als Vizepräsidentin des Praterverbandes eine Reihe von Praterbetrieben führt, wohnt wie eh und je direkt im Wiener Prater. Bis zu ihrem 88. Lebensjahr hatte die heute 90-Jährige sogar noch höchstpersönlich in den Betrieben der Tochter ausgeholfen. Dem Wiener Prater ist sie weiterhin innig verbunden. Den Kaffee und die ausgezeichneten Torten in der Holzdorfer’schen Meierei nebenan weiß sie nach wie vor zu schätzen.

Wiener Zeitung, Dienstag, 17. Oktober 2017