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Eine korrekte und eine unkorrekte Biografie#

Über Thomas Bernhard sind zwei Lebensbeschreibungen erschienen#


Von

Janko Ferk


Thomas Bernhard, der einzige österreichische Großschriftsteller neben Peter Handke, wäre im heurigen Februar neunzig Jahre alt geworden. Eigentlich unvorstellbar, ein greiser Bernhard, gleichsam als Prototyp des grantelnden Österreichers...

Zur Erinnerung an den nicht nobelpreisbedachten Dichter – oder gar zur Feier - sind in seinem Hausverlag zwei Biografien herausgekommen, eine sehr ernst zu nehmende und eine sozusagen zum Vergnügen der Bernhard-Gemeinde, die es wohl immer noch gibt. Ein Autor, der „Holzfällen“ und „Heldenplatz“ geschrieben hat, gerät nicht leicht in Vergessenheit. Ein Monument der deutschsprachigen Literatur bleibt überdies die „Auslöschung“ mit ihren sechshundertfünfzig absatzlosen Seiten über Franz-Josef Murau, schlechthin ein opus magnum.

Peter Fabjan, Bernhards Halbbruder und Leibarzt der letzten Jahre, hat einen „Rapport“, gemeint wohl einen Tätigkeitsbericht, verfasst. Die umfassendste Lebensbeschreibung hat bisher im Jahr 2015 der in Salzburg lehrende Germanist Manfred Mittermayer abgeliefert, ein braves und ehrgeiziges Buch. Fabjan bietet – naturgemäß als naher Verwandter – unbekannte und neue Aspekte, was den Bericht besonders interessant macht. Die familiären und medizinischen Einsprengsel als Zuwaage machen das Originäre aus.

Bücher über Bernhard erscheinen so regelmäßig wie Werke über Kafka, doch nicht jeden Tag meldet sich ein Bruder zu Wort. Fabjan betitelt seinen „Rapport“ mit „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“, obwohl es, wie der Autor ehrlich und offen protokolliert, nicht selten am Nebentisch oder in einem Respektabstand geführt wurde. Bezeichnend ist ein Farbfoto im Buch, das Thomas Bernhard mit Marianne Hoppe beim Abendessen zeigt, und Fabjan „wieder einmal zum Chauffeur geworden, vom Nebentisch aus ein überaus herzliches Gespräch zwischen den beiden“, wie ein Zaungast, beobachten durfte. Eine abschließende oder umfassende Biografie liefert der Mediziner Peter Fabjan nicht. Es sind Aspekte, die er anreißt, und pure Informationen ohne artifiziellen Anspruch. Achtzig Seiten lang legt er den familiären Stammbaum dar, inklusive den nicht besonders erfolgreichen (Er-)Zeuger des Schriftstellers, Alois Zuckerstätter, dem der Sohn sehr ähnlich gesehen hat. In dieser Stammbaumprosa erzählt Fabjan über seinen Vater und Bernhards Stiefvater naturgemäß etwas ganz anderes als der Halbbruder in seiner fünfbändigen Autobiografie. Fabjan stellt ihn als kulturinteressierten Menschen dar, der die Schriftstellerkarriere seines Stiefsohns mit Wohlwollen verfolgt hat. Signifikant in der Beschreibung ist der erste Satz. „Der Weg meines Bruders Thomas war ein einziges Bestreben, sich aus den beengenden Familienbanden zu befreien und sich ein Leben als Künstler zu erkämpfen.“ Peter Fabjans Herkunft war eigentlich keine andere, weshalb man wohl konstatieren darf, dass er sich ein Leben als anerkannter Arzt erobern wollte – und hat. Beide haben sich – der eine künstlerisch, der andere akademisch – eine Sonderstellung erarbeitet. Sie haben sich, wie es Thomas Bernhard gegenüber seinem Bruder formuliert hat, „halt durchgesetzt“. Beiden war der Weg in dieser Weise nicht vorbestimmt, zumal die Familie immer wieder um den „nackten Existenzerhalt“ kämpfen musste. Ein paar Dinge nennt Fabjan konkret und beim Namen. Er bezeichnet seinen Bruder als areligiös und asexuell, was im Zusammenhang mit Bernhards Lebensmensch, der Ministerialratswitwe Hedwig Stavianicek, eine aufschlussreiche Information ist. Er zeichnet ein Charakter- und Persönlichkeitsporträt, wie es bisher unbekannt war. Das Buch ist eigentlich ein Doppelbiografie. Fabjan gibt so viel aus seinem eigenen Leben „an der Seite von Thomas Bernhard“ preis beziehungsweise bekannt, dass eine autobiografisch grundierte Parallelgeschichte entsteht. Leicht hatte es der Arzt mit dem Schriftsteller nicht. „Im Zusammensein war mir das ständige Wechselbad der Gefühle eine harte Schule. Thomas konnte von übermäßiger Warmherzigkeit an einem Tag zu Eiseskälte am anderen wechseln“. Eines muss offen festgestellt werden. Der Mediziner drückt sich an vielen Stellen auffallend bieder und ungeschickt aus. Die unbeholfenen Formulierungen ziehen sich durch das ganze Buch. Verwunderlich ist, dass kein Lektor eingegriffen und die unebenen Stellen ausgebügelt hat. (Zu Lebzeiten Raimund Fellingers, des Cheflektors und Bernhard- sowie Handke-Experten, wäre ein solches Werk nicht in Druck gegangen.) Oder anders gesagt, der Verlag hätte ein solches Manuskript eines anderen, sprich unbekannten Autors, in einhundert Jahren nicht in sein Programm aufgenommen. Fabjans Sprach“kunst“ erfüllt in keiner Weise die üblichen Eigenschaften der Suhrkamp Culture.

Offensichtlich wird, dass sich Thomas Bernhard gern im Umfeld von Adeligen bewegt hat, womit er höchstwahrscheinlich seine Herkunftskomplexe kompensieren wollte. Auch hier erweist sich der brüderliche Biograf als unbedarft, zumal er die Adelsprädikate, die in Österreich bekanntermaßen seit dem Jahr 1919 ein für alle Mal abgeschafft sind, falsch gebraucht. Beispielsweise schreibt er über eine „Freiherrin von Trauttenberg“, die in der österreichisch-ungarischen Monarchie eine Freifrau von Trauttenberg und heute nichts anderes als maximal die „gnädige Frau Trauttenberg“ gewesen wäre. Baroninnen werden zu Baronessen und so weiter. Hier hat Fabjan wohl etwas vom Bernhardschen Adelsviruskomplex abbekommen. Peter Fabjan schreckt auch nicht vor Fehlinformationen zurück. So schreibt er über „Marschall Titos Paläste“ im slowenischen Bled. Josip Broz Tito hat in seiner Zeit als „fröhlicher Diktator“ (© by Žarko Petan) nicht ein einziges Herrenhaus errichtet, sondern alle Prunkbauten von der ehemaligen Herrscherfamilie Karađorđević übernommen. Zuletzt berichtet Fabjan über den exorbitanten Nachlass des Schriftstellers, der es zu einem wertvollen literarischen Werk, drei großen Liegenschaften und zwei Wohnungen gebracht hat. In Obernathal zu einem Vierkanthof, am Grasberg bei Altmünster zu einem Almhaus mit vier Hektar Grund und in Ottnang zu einem Wohnhaus. Wohnungseigentümer war Bernhard in Gmunden und Wien. Und dann, nach dem Tod des Dichters am 12. Februar 1989 in Gmunden, musste Peter Fabjan das Erbe „organisieren“. Im Wesentlichen gründete er für den immobilen Nachlass die „Nachlassverwaltung G. m. b. H.“ und für die Literatur die „Thomas Bernhard-Privatstiftung“ mit dem Sitz in Wien. Später wurde die „Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft“ ins Leben gerufen. Zur Aufarbeitung des Nachlasses des Dichters und seines Großvaters Johannes Freumbichler wurde noch das „Thomas Bernhard Archiv“ initiiert. Nicht unkompliziert… Bernhard hätte wohl gesagt, „Einfach kompliziert“. Das zweite Buch, „Die unkorrekte Biografie“, wie sie im Untertitel heißt, ist ein Werk des Wiener Zeichners und Illustrators Nicolas Mahler, der für Suhrkamp bereits Comic-Bände über den „Ulysses“ von James Joyce und Gedichte von Marcel Proust gezeichnet hat.

Die Grundfrage, wie bei aller Kunst, ist, ob man Mahlers reduzierten Stil mag. Er drückt mit wenigen, eher dicken als dünnen Strichen, das Signifikante aus, wobei er Thomas Bernhards Nase und Körper immer wieder in gelungener Weise darstellt. Ebenso bringt er Marcel Reich-Ranicki und Fred Sinowatz in erstaunlich gediehener Weise mit wenigen Strichen fertig. Mahlers Zeichnungen sind eine witzig-böse Tour durch das Leben des größten Übertreibungskünstlers in der österreichischen und vielleicht überhaupt deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts – in neunundneunzig dreifarbigen Bildern.

Mahler stellt in seinen Zeichnungen abstruse Behauptungen auf, die er am Buchende mit „Fehlerquellen“ relativiert. Wenn es in einem Bild, auf dem Bernhard und Peymann in einem Gasthaus dargestellt werden, wortwörtlich lautet „Immerhin, die Leberknödelsuppe war in Ordnung“, heißt es in den Fehlerquellen, „Die Qualität der Leberknödelsuppe und der genaue Wortlaut von Peymanns Begeisterung sind nicht bekannt.“ In dieser Preisklasse bewegen sich die tatsächlich unkorrekten Lebenszeichnungen über den Jahrhundertschriftsteller. Mahler – und das ist der Spaß an der Sache – verschont niemanden, auch nicht Achim Benning, Siegfried Unseld oder Kurt Waldheim. Alle bekommen ihr Karikaturisten-Fett ab. Und kein anderer Zeichner hätte Bernhards Nase besser abmalen können. Das ist wohl das größte Verdienst Nicolas Mahlers.

Mahlers „Unkorrektheiten“ sind nicht ganz unredlich, sie sind immer ein bisschen wahr, so wie Bernhards Übertreibungen nicht immer übertrieben waren, sondern eine notwendige Überzeichnung des österreichischen Alltags. Thomas Bernhard hätte beide Bücher naturgemäß als abgeschmackt und hervorragend bezeichnet. Ich schließe mich dem denkbaren Urteil des Biografierten vollinhaltlich an.

Peter Fabjan
Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard
Ein Rapport
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
Leinen mit Schutzumschlag; 195 Seiten; mehrere Abbildungen; EUR 24,70
ISBN 978-3-518-42947-1

Nicolas Mahler
Thomas Bernhard
Die unkorrekte Biografie
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
Kartoniert; 119 Seiten; durchgehend illustriert; EUR 16,50
ISBN 978-3-518-47125-8