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"Kunst ist Tag für Tag ein Neubeginn"#

Der Schriftsteller Gerhard Roth, der am 24. Juni 75 Jahre alt wird, über die Zukunft der Bücher, die politische Lage der Gegenwart - und seine neue Venedig-Trilogie.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 17. Juni 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Uwe Schütte


Gerhard Roth
Gerhard Roth im Garten seines Hauses in der Südsteiermark.
Foto: © Imagno/Getty Images

"Wiener Zeitung": Herr Roth, Sie sind nun bald 75 Jahre alt. Sieht man die Welt, aber auch das eigene Land sowie das eigene Metier, in Ihrem Fall also das Schreiben und den deutschsprachigen Literaturbetrieb, mit anderen, milderen Augen, als noch vor 10 oder 20 Jahren?

Gerhard Roth: Milder sehe ich nichts, nur die Zeiteinteilung wird eine andere. Die Fähigkeit, mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, nimmt ab, ebenso verkümmert allmählich das Namensgedächtnis. Ich muss öfters Wikipedia aufrufen. Vor allem konzentriere ich mich auf meine Arbeit, weil ich Pläne, die ich habe, noch umsetzen möchte. Und ich brauche jetzt Erholungsphasen, die es früher nicht gegeben hat, aber es gelingt mir nicht, an nichts zu denken. Ich habe den Eindruck, die politische Lage auf der ganzen Welt ist permanent in Bewegung, wie es dem Menschen entspricht, sie verschlechtert und verbessert sich einmal mehr in die eine Richtung, dann in die andere. Die Menschen empfinden mehr Gleichgültigkeit, Gier und Hass als sie den Frieden lieben. Durch die sozialen Netzwerke erhalten wir einen andauernden Hagel an Informationen aus aller Welt. Wir haben tonnenweise Nachrichten, die wir nicht mehr erfassen können.

Dabei kommt vor allem das Üble im Menschen zum Vorschein. Lesen Sie die anonymen Postings und Sie stoßen auf ein weites Feld aus Neid, Hass, Besserwisserei, Verleumdung, Mobbing, und was es sonst noch an Erbärmlichkeiten gibt. Es sind Röntgenbilder der menschlichen Seele und sie sehen alle gleich aus: aufmarschierende Wortsoldaten im Gleichschritt. Der geheime Hass wohnt in der Brust und braucht ein Ventil. Sobald es mit der Wirtschaft bergab geht und die Sozialgesetze beschädigt werden, halte ich auch neue Diktaturen für möglich. Über Österreich habe ich gesagt, was zu sagen war. Ich lebe trotz allem gerne hier - auch wenn mir vieles nicht gefällt.

Macht Ihnen die zunehmende Digitalisierung der literarischen Sphäre Angst im Hinblick auf die Zukunft der Literatur? Die digitalen Medien reduzieren ja nicht nur das Interesse an Literatur bei jungen Leuten, auch viele angestammte Leser verbringen ihre Zeit lieber mit der Lektüre von Blogs oder anderen Webangeboten, anstatt mit einem Buch...

Ich kann ohne Bücher nicht auskommen. Über die Probleme mit der zunehmenden Digitalisierung denke ich nicht nach. Es wird immer Menschen geben, die Bücher lesen wollen. Ein E-Reader ist etwas Zauberhaftes, wenn keine Bücher vorhanden sind, aber ich vertrage das Lesen auf einem Bildschirm, wenn es länger dauert, wegen Augenschmerzen nicht.

Ich möchte die Bücher, die mir etwas bedeuten, in den Händen halten, Seiten umblättern, vielleicht eine Notiz machen. Wenn es in meinem Leben um etwas gegangen ist, hatte ich immer die Reclam- oder Manesse-Ausgabe eines Buchs eingesteckt: Auszüge aus der "Göttlichen Komödie" von Dante Alighieri, "Gullivers Reisen" von Swift, Kafkas Erzählungen. Ich spüre dann, dass es die andere, die zweite oder dritte oder vierte Welt gibt und nicht nur die eine, die wir WIRKLICHKEIT nennen. Es gibt ja auch nicht nur eine Dimension.

Nach den beiden Erzählzyklen "Die Archive des Schweigens" (1980-1991) und "Orkus" (1995-2011) haben Sie nur mehr sozusagen alleinstehende Romane geschrieben. Konstituieren diese Ihr "Alterswerk"?

Ich denke nicht in solchen Kategorien. Jede künstlerische Tätigkeit ist Tag für Tag ein Neubeginn. Bei aller Vorausplanung entwickelt sich etwa ein Buch zumeist nicht so wie vorgesehen. Ich schlage, sobald mir beim Schreiben eine Idee kommt, oft Wege ein, der Ablauf verselbstständigt sich dann und treibt mich in eine andere Richtung.

Bei jeder neuen Arbeit bin ich ein Anfänger. Ich bin nicht der, den die Menschen wahrnehmen, sondern ein Niemand, der sich durch die Arbeit zum Leben erweckt und der ich bleiben muss, wenn ich weiterarbeiten will. Ich kann nicht aus eingebildeter Stärke mit apodiktischem Selbstbewusstsein wie ein schlechter Mittelschulprofessor arbeiten. Meine Bücher entstehen aus dem Blickwinkel der Schwäche.

Arbeiten Sie derzeit an einem neuen Roman?

Ja, an einer Venedig-Trilogie. Der erste Band, "Die Irrfahrt des Michael Aldrian", erscheint im September, am zweiten Band schreibe ich gerade und der dritte ist in Planung. Alle drei sind Verbrechensromane, es geht um das irdische Paradies, Mord, Gott und Teufel.

Warum ist Ihnen Venedig als Schauplatz so wichtig? Wegen der literarischen Tradition, welche die "Serenissima" in der deutschsprachigen Literatur besitzt?

Ich war sehr oft in Venedig und habe jedes Mal etwas Neues entdeckt. Venedig ist, wie keine andere Stadt, "die Welt in einer Nussschale", wie man sagt. Es ist von Atlantis bis zu den Flüchtlingen der Gegenwart durchtränkt mit europäischer Geschichte. Man findet einfach alles, vom Dogenpalast, der mit seinen "himmlischen Sälen" und den "infernalischen Gefängnissen" doppelgesichtig ist, über die Pestseuchen oder das erste jüdische Ghetto, die zahlreichen Kirchen, die Kunst, die Literatur und die Musik bis zum einzigartigen Staatsarchiv und dem ehemaligen "Irrenhaus" in San Servolo. Natürlich hat mich auch Thomas Manns "Tod in Venedig" fasziniert, aber die deutschsprachige Literatur spielt für mich dabei keine Rolle. In erster Linie sind es Kunst- und Sachbücher die ich lese, und natürlich auch Historisches. Venedig habe ich seit meinem 1978 erschienenen Roman "Winterreise" im Kopf, ohne lange Zeit zu wissen, was dabei herauskommt.

Eine Ihrer wichtigsten Inspirationsquellen, das zeigt ja auch die geplante Venedig-Trilogie, ist das Reisen, zumeist in ferne Länder. Aber mit 75 Jahren ist das vermutlich jetzt sehr schwierig?

Gerhard Roth
Gerhard Roth bei seiner Rede zur Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises in der Nationalbibliothek im Juni 2016.
Foto: © Apa/Herbert Neubauer

Die wichtigsten Reisen sind die Gedankenreisen. Die Bücher, die ich lese, die Bilder und Filme, die ich anschaue, und die Musik, die ich höre, sind für mich ebenso wirklich wie beispielsweise ein Flug nach Japan. Ich würde mir nicht eingestehen, dass ich keine sogenannte reale Reise mehr machen könnte, auch, wenn es auf der Hand liegt.

In den USA, die sie als junger Autor wiederholt bereist haben, ist jetzt Trump an der Macht. Die Briten haben sich knapp für den Brexit entschieden. Wie sehen Sie die gegenwärtige politische Lage im Westen und in Europa?

Viel mehr Sorgen macht mir Syrien, der religiöse Wahn des IS. Das ist Mittelalter. Europa wurde viel zu schnell zusammengeschustert, und Deutschland mit seiner Wirtschaftskraft hat die Führung übernommen. Die kleinen Staaten haben nichts zu reden. In der Flüchtlingsfrage herrscht Chaos - ein Versagen der EU. Populisten, Stammtischpolitiker kommen überall an die Macht. Die Engländer halten sich für etwas Besseres, sie können die Bevormundung durch die EU nicht ertragen, und in Amerika ist ein Stammtischpolitiker ein mehr als peinlicher Präsident. Blicke ich auf mein Leben zurück, sehe ich aber Nationalsozialismus, Kommunismus, Vietnam, die Roten Khmer in Kambodscha, den Eisernen Vorhang - damit will ich sagen, die Menschen und die Politik im Allgemeinen waren leider nie besser.

Und wie sehen Sie die Lage in Österreich, wo zweimal die Wahl eines Rechtsaußen zum Bundespräsidenten hauchdünn gescheitert ist?

Es war im Prinzip Land gegen Stadt. In der gegenwärtigen Zeit kämpfen politisch Uninformierte gegen die von ihnen als Gauner betrachteten angeblichen "Eliten", zu denen sie selbst gerne gehören würden. Das hat etwas mit Frust zu tun - mitten in Ländern mit den besten Sozialsystemen. Jeder fühlt sich benachteiligt, Schuld sind immer die anderen - das ist der Hass, der zuerst auf Flücht-linge und Zuwanderer projiziert wird.

2016 erhielten Sie den Großen Österreichischen Staatspreis, obgleich Sie als einer der schärfsten Kritiker heimischer Verhältnisse unter den österreichischen Intellektuellen gelten. War es die lang verdiente Würdigung ihres künstlerischen Lebenswerkes oder ein Vereinnahmungsversuch durch den Staat?

Ich habe noch keinen Vereinnahmungsversuch festgestellt.

Lassen Sie uns zur Literatur zurückkehren: Zum Geburtagsjubiläum hat S. Fischer, Ihr Hausverlag seit 1973, das Romanwerk "Landläufiger Tod", das 1984 nur in einer gekürzten Fassung von rund 800 Seiten erscheinen konnte, nun in einer vollständigen Version von knapp 1000 Seiten wieder veröffent-licht. Was ist neu an dieser Neuausgabe?

In die Neuausgabe von "Landläufiger Tod" sind vom damaligen Lektorat ausgeschiedene Kapitel aufgenommen, wie etwa die "Dorfchronik" oder das "Töten des Bussards", aber auch zwei nach dem Erscheinen des Buches geschriebene Essays über Bienen. Gekürzt habe ich nichts, der Text wurde aber noch einmal durchgesehen bzw. korrigiert.

Viele halten das Buch, nicht nur wegen dessen Länge, für Ihr opus magnum. Ist es das?

Man schätzt seine Arbeiten nicht nach dem Erfolg ein, den sie haben, nicht wie sie von anderen beurteilt werden. Ich habe eine besondere Beziehung zu diesem Buch, weil es entscheidend für mein weiteres Schreiben war. Ich fand zuerst keine Möglichkeit, wie ich die vielen Gedanken und Einfälle, die durch meine langen Wanderungen und Gespräche mit den Menschen in Obergreith entstanden sind und in meinen Notizbüchern und Fotografien festgehalten waren, in einem Buch zusammenfassen konnte. Erst als der Bienenzüchter Josef Zmugg, dessen Sohn heute mein Nachbar ist, Bienenstöcke im Mai in der Schwarmzeit vor meinem damaligen Haus aufgestellt hat - 30, 40 Beutekästen mit über einer Mil- lion Bienen - kam der Einfall, dass ich alles, was ich schreiben wollte, wie ein Bienenvolk oder wie die sechseckigen Zellen aus Wachs in einzelnen Fragmenten auffassen konnte.

Ich hatte dann selbst drei Jahre drei Bienenvölker, habe darüber einen Film gedreht - "Der Bien" - und zwei Essays geschrieben. Bis heute lese ich die meisten Neuerscheinungen von Bienenbüchern. Und ich denke oft daran, wie es wäre, wenn wir wirklich wüssten, was in den Köpfen der Tiere vor sich geht und was ein tierischer Schriftsteller wohl über die Menschheitsgeschichte schreiben würde. Die Wissenschaft hinkt in dieser Beziehung den Märchen nach. Die Tiere sind nicht von der Natur geschaffene Tatmaschinen, sie haben auch ein Innenleben und eine Sprache. Wir wissen nicht einmal, was Tiere träumen. Ich würde gerne die Träume, welche die Menschheit und alle Tiere bis heute geträumt haben, kennen. Erst wenn wir diese Träume kennen und die Perspektive der Tiere auf die Menschen, wüssten wir, wer wir sind und in welcher Welt wir leben.

Das Fotografieren ist eine Ihrer künstlerischen Obsessionen und Sie haben bereits mehrere großformatige Fotobände veröffentlicht. Haben Sie Ihre Leidenschaft die letzten Jahre fortgesetzt? Darf man noch auf einen weiteren Fotoband hoffen?

Im heurigen Jahr wird noch ein weiterer Fotoband erscheinen: "Spuren - Fotografische Haikus 2007-2017"; es handelt sich dabei um winzige und zumeist übersehene Teile aus den Wahrnehmungen des Alltäglichen. Ein Venedig-Bildband wird folgen und außerdem gibt es noch meine Amerika-Fotografien aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Warum ist Ihnen das Fotografieren als eine "Hilfstätigkeit" des Schreibens unverändert wichtig?

Meine Fotografie hat sich inzwischen vom Schreiben emanzipiert. Ich habe immer nur einfache Fotoapparate besessen, also ohne viele Objektive, weil es mir lästig ist, das alles mit mir herumzuschleppen. Aber ich habe eine Canon Taschenkamera auf meinen Teichspaziergängen bei mir und fange immer mit dem Unscheinbarsten an, das wird man im Fotoband sehen.

Wenn Sie heute jungen Nachwuchsautoren begegnen, was würde Sie ihnen - auf der Basis Ihrer Lebenserfahrung als Schriftsteller - raten?

Nichts. Jeder Autor spürt den Drang zu schreiben in seinem Inneren oder gar nicht. Er muss, glaube ich, zuerst Literatur lesen und beim Lesen spüren, was ihn beeindruckt. Dann muss er sich von den Vorbildern lösen und den eigenen Fingerabdruck, die eigene Schreibweise finden. Erst dann fängt alles an.

Ihr erstes Buch, "die autobiographie des albert einstein", erschien 1972. In den 45 Jahren seither haben Sie zahlreiche Romane, Bildtextbände und Essaysammlungen veröffentlicht, darunter sind auch in der Weltliteratur einmalige Unterfangen wie ein Doppelzyklus, der fünfzehn, oftmals sehr voluminöse Bände umfasst. Wie blickt Gerhard Roth auf sein immenses Lebenswerk zurück?

Gar nicht. Ich bin vor allem mit der Gegenwart beschäftigt, dem Neuen. Was ich noch sehen oder erfahren werde, weiß ich nicht. Am schönsten war der Moment, als ich, soweit ich sehen konnte, allein und in der Stille auf einem Felsen vor dem Berg Athos im Meer lag und für einen Moment den Eindruck hatte, die Welt zu begreifen.

Wiener Zeitung, Samstag, 17. Juni 2017