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Der kristalline Kältetod der Perfektion#

Richard David Precht skizziert in seinem jüngsten Buch eine positive Zukunftsvision der digitalen Gesellschaft.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 3. Juli 2018

Von

Judith Belfkih


Arbeitsroboter
Die Roboter arbeiten - die Menschen genießen: noch ein utopisches Modell.
Foto: pixabay.com

Arbeit durch Werkzeuge zu vereinfachen und in weiterer Folge an Maschinen delegieren, um selbst davon befreit zu sein: Dieser Leitgedanke hat so gut wie jede technische Errungenschaft der Menschheit motiviert - vom Steinkeil über das Fließband bis zum Computer. Heute, an der Schwelle zum digitalen Zeitalter, hat der Mensch erstmals die realistische Chance, einen Großteil der ungeliebten Tätigkeiten an Maschinen abzugeben - um sich auf die schönen Seiten des Lebens in Müßiggang oder purer Freude zu konzentrieren. "Der Mensch als freier Gestalter seines Lebens", nennt Philosoph Richard David Precht seine auf diesem Gedanken aufbauende Vision einer "humanen digitalen Utopie".

Ein Blick in die Gegenwart zeigt freilich: Bislang hat die Digitalisierung den Menschen eher unfrei gemacht. Automatisierung ist längst kein Heilsversprechen mehr, im Gegenteil: Sie schwebt als dunkle Drohung der absoluten Überwachung, Entmündigung und Versklavung durch die Maschine über der Menschheit. "Die Digitalisierung ändert alles. Wer ändert die Digitalisierung?" Die Zukunft kommt nicht einfach daher - sie wird von uns gemacht, stellt Precht als weitere Basis unter seine Überlegungen. In "Jäger, Hirten, Kritiker" lenkt er den Blick daher auf die nur vermeintlichen Nebenschauplätze der Digitalisierung. Liegt der Fokus der öffentlichen, vor allem politischen Debatte bisher auf dem Bereich Arbeit, legt Precht einen ganzheitlichen utopischen Lebensentwurf vor.

Verlust von Erwerbsarbeit als psychologisches Problem#

Prechts Buch ist ein Plädoyer dafür, die digitalen Werkzeuge nicht nur aus dem Blickwinkel des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu sehen, sondern als "Chance zu einem guten Gesellschaftsmodell". Eine Aufgabe für die Politik, wie Precht attestiert, die sich aktuell "in der Gegenwart verzettelt" und Veränderungen eher abwehre, anstatt Zukunft aktiv zu gestalten.

Vor die Utopie setzt der Philosoph ein dystopisches Szenario: "Unser Leben kann nicht mehr nicht gelingen. Google, Facebook und Co haben uns von der Diktatur der Freiheit befreit." Precht zeichnet ein unfallfreies Leben, in dem Überwachung und Technik alle Risiken ausgeräumt haben - vom Ende des Verbrechens bis zur neuen Niere aus dem 3D-Drucker. Die Postdemokratie hat sich durchgesetzt, Politik besteht aus simulierenden Marionetten, im Hintergrund entscheiden Technokraten. Menschen haben die einfachsten (Kultur-)Techniken verlernt, kommunizieren durch steinzeitliche Piktogramme. Frei von Urteilskraft, lässt sich ihnen - überwacht und sorgenfrei - das Geld leicht entlocken.

Dass ein positiver Gegenentwurf dazu komplexer ausfallen muss, weiß Precht. Von der plötzlichen Arbeitslosigkeit durch digitale Effizienzsteigerung bis zu den Freuden eines mußevollen, selbstbestimmten Lebens jenseits der Erwerbsarbeit ist ein trickreicher Weg zu meistern. Precht diskutiert daher die Möglichkeiten des Bedingungslosen Grundeinkommens: Sowohl die Finanzierung - er präferiert eine Mikrosteuer auf Geldverkehr - als auch die psychologischen Probleme. Heute bedeute der "Verlust von Erwerbsarbeit zugleich den Verlust an gesellschaftlicher Anerkennung; einen Anschlag auf das Selbstwertgefühl".

Für eine Umkodierung sei hier ein neues Wertesystem gefragt. Auch systemische Probleme - wie die Verkettung von Produktionskraft und Kaufkraft - müssten parallel dazu gelöst werden. Dazu versammelt Precht auch bekannte, angesichts der digitalen Revolution absurde Prioritäten des Bildungssystems oder prangert den effektiven Zeitraub an, den bisher noch jede technische Neuerung mit sich gebracht hat. Das Resultat ist keine Technikverdammung, sondern vielmehr ein Plädoyer für den Reiz des Unvorhersehbaren: "Nicht alles, was perfektionierbar ist, muss perfektioniert werden." Denn Technik mache manche Lebensbereiche ärmer statt reicher.

Ein Ende der "Selbstverzwergung der Politik"#

Precht diskutiert Probleme mehr, als Lösungsansätze zu bieten. Was er aber anbietet, sind künftige mögliche Grundhaltungen: "In einer humanen Zukunft ist der Handel mit personenbezogenen Daten verboten." Als Sicherung der Selbstbestimmtheit und damit auch der Demokratie. Die Zukunft der Politik sieht er darin, dass sie sich aus der "Selbstverzwergung" befreit und sich ihren Handlungsspielraum zurückerobert.

Teils recht detaillierte historische Bezüge veranschaulichen, dass sich das Leben des Menschen nicht zum ersten Mal radikal verändern wird. Das liefert keinen unmittelbaren Erkenntnisgewinn, aber eine relativierende Einbettung der aktuellen Herausforderungen in ein größeres Ganzes. Prechts Überlegungen sind weder eine Verteufelung des technischen Fortschrittes noch das naive Bild einer optimal vernetzten Zukunft. Sie sind eine Stimme dafür, die Errungenschaften der digitalen Revolution für mehr Menschlichkeit zu nutzen. Tun wir das nicht, so droht nach Precht "der kristalline Kältetod der Perfektion".

Die Leistung des Buches ist es, an positiven Zukunftsbildern für die gegenwärtig eher beängstigenden Entwicklungen zu arbeiten. Nur wer weiß, wohin die Reise gehen soll, kann an den Weggabelungen die richtige Abzweigung nehmen. Precht liefert das nötige gedankliche Rüstzeug dafür.

Sachbuch#

Jäger, Hirten, Kritiker - Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Richard David Precht. Goldmann, 288 Seiten, 20 Euro

Wiener Zeitung, 3. Juli 2018