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Der „Game-Changer“ #

Aus Sorge um die Gesundheit der Menschen gerät die Impfthematik immer mehr in den Fokus der nationalen Bioethikräte. Über Verantwortung in Zeiten von Corona. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (23. Juli 2020)

Von

Christiane Druml


Wie oft wurde in den letzten Jahren auf die Bedeutung von Impfungen hingewiesen, darauf, dass sie zum größten „Game-Changer“ unseres Lebens und dessen unserer Kinder gehören! Neben Hygiene haben Entwicklung und Einsatz von Impfstoffen enorm zur Reduktion der Kindersterblichkeit beigetragen und auch das Leben von Erwachsenen in Bezug auf die Anfälligkeit für verschiedene Infektionserkrankungen ungemein erleichtert. Dennoch sind wir in unserer Gesellschaft immer wieder mit Skepsis gegenüber den Impfungen und mit sinkenden Impfraten konfrontiert. Warum?

Die Welt hätte ohne geeintes Vorgehen nie die Pocken besiegen können, diese schreckliche Erkrankung, der durch Jahrhunderte Millionen von Menschen zum Opfer gefallen sind. 1980 konnte die WHO die Pocken als bisher einzige Infektionserkrankung für besiegt erklären, als weltweit ausgerottet. Damit war der Beweis erbracht, dass es möglich ist, von Mensch zu Mensch übertragbare Erkrankungen zu eliminieren. Sichtlich ist es so, dass viele Infektionserkrankungen, da sie durch die Schutzimpfungen verhindert werden, nicht mehr als Bedrohung gesehen werden.

Gesundheitspersonal trägt Verantwortung #

Die Bioethikkommission hat sich bereits 2015 mit Impfungen gegen von Mensch zu Mensch übertragbare Infektionserkrankungen, in diesem Fall mit den Masern, auseinandergesetzt und eine ausführliche Stellungnahme dazu veröffentlicht. Fazit war unter anderem, die Empfehlung einer Verpflichtung zur Impfung aus ethischer Sicht für das Gesundheitspersonal. Kein Mensch sollte dem Risiko ausgesetzt werden, wenn er ins Krankenhaus geht oder mit einem Arzt oder einer Pflegeperson konfrontiert ist, sich mit einer vermeidbaren Infektionserkrankung anzustecken, die schwere neurologische Folgen bis zum Tode haben kann. Gerade Personal im Gesundheitswesen trägt hier eine besondere Verantwortung!

Im Jahr 2019 wurde von der Bioethikkommission eine ergänzende Stellungnahme veröffentlicht, in der sogar eine allgemeine Verpflichtung zur Impfung unter bestimmten Bedingungen für ethisch gerechtfertigt angesehen wird, nämlich dann, wenn der Eingriff harmlos für die einzelne Person ist und wenn die Krankheit für die Gesundheit gefährlicher als der Eingriff ist. Je größer der Nutzen einer Impfung insgesamt, desto eher erscheint der Eingriff in die körperliche Integrität des Einzelnen gerechtfertigt. Hier geht es um die Verhältnismäßigkeit – die Kommission sah die Verhältnismäßigkeit bei Masern jedenfalls gewahrt und sprach sich daher für eine allgemeine Impfpflicht gegen Masern aus. Darüber hinaus forderte sie dazu auf, eine allfällige Ausweitung der Impfpflicht evidenzbasiert und regelmäßig zu überprüfen. So eine Ausweitung könnte bei einer Einschleppung der Polio nach Österreich stattfinden.

Bioethikkommissionen sind Expertengremien der Politikberatung und befassen sich vor allem mit den rasanten Entwicklungen der Lebenswissenschaften und deren Einfluss auf unsere Gesellschaft, zumeist Fragestellungen, die den Beginn oder das Ende des Lebens betreffen. Erstaunlich ist, dass die Impfthematik aus Sorge um die Gesundheit der Menschen und vor allem das Kindeswohl auch in den Fokus der nationalen Bioethikräte gedrungen ist. Neben Österreich haben sich angesichts steigender Krankheitsfälle und sinkender Impfraten auch andere Länder diesem Thema in den letzten Jahren gewidmet, wie beispielsweise der deutsche Ethikrat, die italienische Bioethikkommission oder diejenige aus Spanien. Der österreichische Hauptverband der Sozialversicherungen hat im Vorjahr seine große Sorge aufgrund stetig fallender Impfraten bei Kindern bis hin zu völlig ungeimpften Kindern ausgedrückt.

Durch die Corona-Pandemie ist das Thema noch stärker in den Fokus gerückt. In diesem Fall zur Frage, ob eine wirksame Impfung gegen Covid-19 entwickelt werden kann und wann eine solche den Menschen zur Verfügung stehen könnte. Derzeit wird vom österreichischen Tropenmediziner Peter Kremsner die erste Impfung gegen Corona in einer klinischen Studie am Universitätsklinikum Tübingen untersucht. Obwohl nach dem derzeitigen Stand der Erfahrungen und wissenschaftlichen Untersuchungen ein „normales“ Leben für uns erst nach Vorliegen einer wirksamen Prävention gegen das Coronavirus – also einer Impfung – gegeben sein wird, haben bei einer rezenten Umfrage dennoch mehr als 25 Prozent der Befragten angegeben, sich eher nicht beziehungsweise sicher nicht impfen zu lassen!

Was können wir tun? #

Was können wir also tun, um unser aller Leben in den nächsten Monaten sicherer zu machen? Um das Gesundheitssystem vor Überlastung zu bewahren? Um uns und unseren Mitmenschen gegenüber Verantwortung zu zeigen? Eine Möglichkeit ist die, uns gegen andere Erkrankungen, die das Risiko für besonders schwere Krankheitsverläufe hervorrufen können, zu schützen. Aufgrund der Erfahrungen mit der Covid- 19-Pandemie hat die Bioethikkommission daher folgende Empfehlungen veröffentlicht:

„Impfen gegen Erkrankungen, für die es zugelassene Impfstoffe gibt, in Zeiten der Covid- 19-Pandemie“ (Juni 2020). Eine aktive Impfprophylaxe ist dringend gegen andere die Lunge betreffende Infektionserkrankungen empfohlen. Diese Erkrankungen sind insbesondere Pertussis (Keuchhusten), Pneumokokken- Infektionen sowie Influenza. Ein wesentlicher Grund, dass wir diese Maßnahmen empfohlen haben ist, dass viele dieser Erkrankungen ähnliche Symptome wie Covid-19 aufweisen, weshalb ihre Eindämmung die Erkennung von Covid-19-Infektionen erleichtert und beschleunigt. Wir alle wissen, dass schon der Verdacht auf Covid-19 eine Fülle von schwerwiegenden Maßnahmen wie Testung, Quarantäne, Schließung von Kindergärten oder Schulen mit sich bringen kann. Diese Maßnahmen zu vermeiden, sollte unser aller Anliegen sein.

Die Autorin ist Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.

Die Furche, 23. Juli 2020