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Vergessen, dass es Training ist #

In einem einzigartigen Simulationszentrum trainieren Mediziner ab sofort am LKH Graz. An anspruchsvollen Patienten. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Samstag, 1. April 2017)

Von

Sonja Saurugger und Didi Hubmann


Simulationszentrum in Graz
Für den Ernstfall wird am Simulationszentrum in Graz trainiert – an großen und winzigen „Patienten“
Fotos: J. FUCHS (2); MARIJA KANIZAJ/KAGES

Das Horrorszenario: Ein Patient liegt im Operationssaal, Ärzte und Pfleger rund um ihn herum und plötzlich wird es stockdunkel – der Strom ist weg, nichts geht mehr. Ein solches „Full Blackout“ kann im echten Krankenhausbetrieb nie geübt werden – im neuen steirischen Simulationszentrum am LKH Graz ist das aber möglich. Denn: Der Patient ist kein Mensch und damit auch nicht in Lebensgefahr.

„Unser Ziel ist, dass kein Jungarzt mehr zum Patienten kommt, ohne nicht vorher an einem Simulator trainiert zu haben“, so Thomas Wegscheider, der das in Österreich einzigartige Simulationszentrum der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (Kages) und der Med Uni Graz mitaufgebaut hat. Betritt man die Räumlichkeiten, merkt man zunächst nicht, dass es kein reales Krankenhaus ist, in dem man steht. „Wir haben ein echtes Trainingskrankenhaus aufgebaut“, sagt Wegscheider. Vom normalen Patientenzimmer über den Operationssaal mit dazugehörigem Waschraum bis zum Schockraum und der Intensivmedizin ist alles vorhanden.

Nur so sei es möglich, auch Übergaben von Patienten von einem behandelnden Team zum nächsten zu trainieren, ohne dass dabei Informationen verloren gehen, sagt Wegscheider. Denn genau das ist das Ziel des Simulationstrainings: Alles soll genau so gemacht werden wie im „echten“ Leben. Und daher wissen die Teams, die zum Training kommen, vorher auch nie genau, was sie erwartet. „Solche Trainings sind weit mehr, als nur Reanimation zu üben“, sagt Wegscheider.

Thomas-Wegscheider
Thomas-Wegscheider (MedUni)
Foto: MARIJA KANIZAJ/KAGES

Den Arbeitsalltag kennenlernen, medizinische Geräte richtig bedienen, mit Stresssituationen fertigwerden: Dazu braucht es auch die richtigen Patienten. Moderne Simulatoren, die nicht mehr „Puppen“ heißen, wollen betreut werden wie echte Patienten. Ein „Supersimulator“ kann zum Beispiel 30 verschiedene Herzerkrankungen nachstellen – „da sind Krankheiten dabei, die man in der Ausbildung sonst nur mit viel Glück sehen würde“, sagt Wegscheider. Besonders viel Fingerspitzengefühl braucht es auch in der Behandlung der kleinsten Patienten – daher trainiert auch das Team der Neonatologie regelmäßig mit Frühchen- Simulatoren, wie man zum Beispiel winzige Atemwege intubiert. Nicht nur für Jungmediziner steht das Simulationszentrum offen: Neben den Medizinstudenten, von denen pro Jahr 10.000 Stunden im Zentrum absolviert werden, kommen auch routinierte Ärzte und Pflegepersonal aus allen Kages-Häusern, um zu trainieren. Die Räume, die sich über 700 Quadratmeter erstrecken, sind mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet, sodass Trainings nachbesprochen werden können. „Die Regel ist, dass alles, was hier passiert, die Mauern nicht verlässt“, sagt Wegscheider.

Auch wenn die Patienten nicht „echt“ sind, die Abläufe sind es: „Das Ziel ist“, sagt Wegscheider, „dass alle, die hier trainieren, vergessen, dass sie in einem Simulationstraining sind.“

Kleine Zeitung, Samstag, 1. April 2017
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