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Schon die Wikinger hatten Pocken#

Das Variola-Virus verbreitete sich ähnlich dem Sars-CoV-2-Erreger durch Reisetätigkeit.#


Von der Wiener Zeitung (24. Juli 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Alexandra Grass


1200 Jahre altes infiziertes Skelett
1200 Jahre altes infiziertes Skelett.
Foto: © Swedish National Heritage Board

Ursprünglich vermutlich vom Nagetier stammend, breiteten sich die Pocken, bis sie 1980 durch eine Impfung ausgerottet werden konnten, weltweit aus. Sie gilt als die erste menschliche Erkrankung, bei der es zur Auslöschung kam. Den Pocken fiel etwa ein Drittel der Infizierten - nämlich 300 bis 500 Millionen Menschen - zum Opfer, ein weiteres Drittel blieb dauerhaft vernarbt oder blind zurück. Obwohl bereits eine 3570 Jahre alte Mumie deutliche Pockennarben aufgewiesen hatte, verlor sich die Spur des Erregers in die Vergangenheit zurück bisher irgendwann vor dem 17. Jahrhundert. Nun haben Forscher einen Pockenstamm in den Zähnen von Wikingerskeletten ausfindig gemacht. Ein Beweis dafür, dass die tödliche Krankheit die Menschheit seit mindestens 1400 Jahren plagte.

Dabei sind die Wissenschafter über mehrere Tatsachen überrascht. So geht man davon aus, dass der Ursprung des Virus in Afrika oder Asien liegt, wo dieses erstmals von Nagetieren auf den Menschen übergesprungen sein dürfte. Von dort könnte sich die Infektion dann weltweit ausgebreitet haben. So auch in den Norden Europas.

Neuer Stamm entdeckt#

Doch: "Wir haben einen neuen Pockenstamm entdeckt und festgestellt, dass sich seine genetische Struktur von der des modernen Pockenvirus unterscheidet, das im 20. Jahrhundert ausgerottet wurde", erklärt Studienleiter Eske Willerslev vom St. John’s College der University of Cambridge im Fachblatt "Science". Demzufolge dürfte der Erreger mehr als einmal vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein.

"Wir wussten, dass Wikinger sich über Europa hinaus bewegten und um die Welt reisten und ähnlich zur Verbreitung beigetragen haben könnten, wie es heute bei Covid-19 der Fall ist", betont Willerslev. Nur reisten die Menschen damals eher mit dem Schiff als mit dem Flugzeug.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Pocken in den USA ausgerottet, blieben allerdings in ganz Afrika, Asien sowie Südamerika endemisch. Im Jahr 1967 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO ein Tilgungsprogramm gestartet, das Kontaktverfolgungs- und Massenkommunikationskampagnen umfasste - alles Techniken der öffentlichen Gesundheit, mit denen Länder auch die heutige Coronavirus-Pandemie zu bekämpfen versuchen. Doch war es letzten Endes die weltweite Einführung eines Impfstoffes, die es letztendlich ermöglichte, die Pocken zu stoppen, heißt es in einer Aussendung zur Studie.

Das Forscherteam fand Pocken in elf Grabstätten aus der Wikingerzeit in Dänemark, Norwegen, Russland und Großbritannien. Zudem auch in mehreren menschlichen Überresten von Öland, einer Insel vor der Ostküste Schwedens, die eine lange Handelsgeschichte aufweist. Aus vier Proben konnten die Wissenschafter nahezu vollständige Variola-Virus-Genome rekonstruieren. Doch dürfte es sich bei diesem Stamm um eine relativ milde Erkrankungsform gehandelt haben, vermuten die Wissenschafter.

Immer wieder Zoonosen#

Das Verständnis der genetischen Struktur des Erregers kann Virologen dabei helfen, die Entwicklung dieses und anderer Viren besser zu verstehen sowie die Wissensbasis zu erweitern, um neu auftretende Viruserkrankungen besser bekämpfen zu können.

Diese frühe Form der Pocken war genetisch näher an tierischen Pockenviren wie Kamelpocken. Sie ähnelt nicht genau den modernen Pocken und zeigt damit, dass sich das Virus verändert hat.

"Wissen aus der Vergangenheit kann uns in der Gegenwart schützen", betont auch Terry Jones vom Institut für Virologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Ausgestorbene Tiere oder Pflanzen kommen nicht zurück. Doch Mutationen können erneut auftreten oder zurückkehren und Viren können mutieren oder aus dem Tierreservoir austreten, so der Biologe. Demnach könne es immer wieder Zoonosen geben.

"Die Pocken wurden ausgerottet, aber morgen könnte ein weiterer Stamm aus dem Tierreservoir kommen. Was wir 2020 über Viren und Krankheitserreger wissen, die den Menschen heute befallen, ist nur eine kleine Momentaufnahme dessen, was den Menschen historisch geplagt hat", schließt Willerslev.

Wiener Zeitung, 24. Juli 2020