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Der neue Augustin#

Der verstorbene Karl Hodina begann als Maler und wurde zum Erneuerer des Wienerlieds.#


Von der Wiener Zeitung (Montag, 27. März 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Karl Hodina
Karl Hodina
© Wiener Zeitung/Andreas Pessenlehner

Wien. Große Trauer herrscht unvermindert über Karl Hodina: Der Tod des Komponisten, Sängers und Akkordeonvirtuosen, der dem Wienerlied eine Spätblüte abgerungen hat, ist in den späten Abendstunden des Freitags bekannt geworden. "Mit seinem berühmten ‚Herrgott aus Sta‘ hat er eine Hymne an seinen Heimatbezirk Ottakring geschaffen. Nun ist der Herrgott des Wienerlieds selbst gegangen", reagierte der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny.

Seine Formulierung "Herrgott des Wienerlieds" war in fast allen Nachrufen zu lesen - und sie liegt ja auch irgendwie auf der Hand, denn mit "Herrgott aus Sta" hat Hodina das Wienerlied nachgerade neu definiert und von der wohlig-weinerlichen Sentimentalität, die ihm mittlerweile fälschlich anhaftete, befreit.

Phantastischer Realismus#

Dabei war das Wienerlied zuerst nur eines der Standbeine des am 7. Juni 1935 in Ottakring geborenen Multitalents. Ursprünglich absolvierte der Sohn eines Schneiders eine Ausbildung als Lithograf und Chemigraf (ein Fachberuf für Bildgestaltung im grafischen Gewerbe - auch der Schauspieler Helmut Lohner war übrigens gelernter Chemigraf).

Beruflich hat Hodina also mit der Reproduktion von Bildern alter Meister zu tun. Da liegt es für ihn nahe, sich auch mit deren Maltechniken und Bildgestaltungen auseinanderzusetzen. Ein kreativer Kopf wie Hodina kann da nicht im autodidaktischen Studium verharren, er muss, was er erkennt, selbst auf der Leinwand umsetzen. Der Maler Karl Hodina ist geboren - und erfolgreich ist er obendrein. Seine Bilder gehören zu den Höhepunkten des Phantastischen Realismus: In akribisch genauer Malerei lässt Hodina Landschaften und Menschen wie aus Träumen entstehen, Einflüsse von Arcimboldo, Bosch und Dali gerinnen zu einer eigenen unverwechselbaren Bildsprache. 1967 hat er in der Wiener Galerie in der Bäckerstraße eine erste Einzelausstellung.

1969 zwingt eine schwere Augenerkrankung den Künstler, seinen Beruf als Lithograf aufzugeben und etwas später auch die Malerei. Musik war ohnedies schon ein Standbein gewesen - nun gewinnt sie an Wichtigkeit.

Hodina war als Heurigenmusiker in Stammersdorf aufgetreten. Seinen Durchbruch hat er 1971 mit "Herrgott aus Sta" und mit "I lassert Kirschen für di wachsen ohne Kern". Dass das erste dieser Wienerlieder Hodinas "Fia d’Erni" nach einem Text von H.C. Artmann ist, lässt freilich aufmerken. Überhaupt hatte Hodina 1957 das Vienna modern Jazzquartett gegründet und in der Folge mit Fatty George zusammengearbeitet. Jazz und Wienerlied - es ging Hodina nicht um eine unmögliche Fusion, wohl aber darum, durch die Grammatik anderer Musikrichtungen die Nervenstränge des Wienerliedes wieder aufzuspüren, die unter einer dicken Schicht Larmoyanz verborgen waren.

Im "Herrgott aus Sta" steht diese Larmoyanz bereits unter Anführungszeichen, in seinen folgenden Liedern fallen auch diese weg. Die Lieder, die Hodina mit Edi Reiser als Hodina-Reiser-Duo aufführt und auf Tonträger einspielt, sind frisch, körnig, oft auch aufmüpfig, wie es das alte Wienerlied war.

Es geschah wohl unter dem Einfluss ihres Malerkollegen Karl Hodina, dass sich auch andere Vertreter des Phantastischen Realismus dem Wienerlied oder wienerisch angehauchten Chanson zuwandten, etwa Arik Brauer.

Sammler von Wienerliedern#

Hodina unterdessen erfand nicht nur neue Wienerlieder, er sammelte auch die alten: 1979 publizierte er im Buch "O du lieber Augustin" Wienerlieder aus drei Jahrhunderten. Es ist die erste zuverlässige Sammlung von Wienerliedern seit den sogenannten Kremser-Alben, die 1925 ihren Abschluss gefunden hatten. Für Hodina war die Wienerlieder Ausdruck sozialer Umstände: "Sie erzählen wirklich vom Leben des kleinen Mannes", sagte er einmal. Mit dieser Haltung steht Hodina an der Wiege des neuen Wienerlieds, wie es etwa Roland Neuwirth weiter pflegt.

Hodina hielt auch seiner anderen Liebe, dem Jazz, die Treue. Er musizierte mit Herb Ellis und Barney Kessel und mit dem Austrobrasilianer Alegre Correa. Im Gefängnis Stein spielte er vor Insassen im Stil von Johnny Cash.

Wie Friedensreich Hundertwasser und Brauer, so gestaltete auch Hodina einen Bau, und zwar die Autobahnraststätte bei Arnwiesen bei Gleisdorf (Steiermark), der man, obwohl sie ein schlichteres Erscheinungsbild als die Designs von Hundertwasser und Brauer aufweist, doch ihre Herkunft aus der malerischen Fantasie anmerkt.

Am 21. April beginnt das Wienerlied-Fest "Wean hean" - vor 18 Jahren gegründet von Karl Hodina und Roland Neuwirth. Es wird ein klingender Nachruf sein.

Wiener Zeitung, Montag, 27. März 2017