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Der ewige Kampf um die Kraft des Wassers#

Der Dorfertal-Speicher wäre das größte Kraftwerksprojekt Österreichs geworden, heute ist man stolz auf den Nationalpark.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 26. Juni 2019

Von

Werner Reisinger


Hier am wilden Kalserbach hätte die Dorfertal-Staumauer gebaut werden sollen
Hier am wilden Kalserbach hätte die Dorfertal-Staumauer gebaut werden sollen.
Foto: © Brunner Images/Philipp Brunner

Wien. "Ich habe vollstes Verständnis." Wenn Wolfgang Retter über die Energiewirtschaft spricht, dann keineswegs einseitig. Bis heute kann er verstehen, dass ein Ort wie das Dorfertal bei Kals in Osttirol für Kraftwerksplaner und Ingenieure einen geradezu idealen Standort für ein Speicherkraftwerk darstellt. Der Ort Kals am Großglockner liegt auf 1300 Meter Seehöhe, am Talschluss beginnt die wildromantische Dabaklamm, durchflossen vom reißenden Kalserbach. Der Weg führt weiter ins noch 300 Meter höher gelegene Dorfertal. Dort mäandriert der Kalserbach in ursprünglicher und naturbelassener Weise, bildet Schwemminseln, auf denen äußerst seltene Pflanzen wie die deutsche Tamariske wachsen. Es ist einer der wenigen Orte, an denen diese vom Aussterben bedrohte Pflanzenart noch wild wächst.

Wäre es nach dem Tiroler Energieversorger Tiwag und der Tiroler Landesregierung gegangen, wäre diese Idylle heute der Grund eines gigantischen künstlichen Stausees. Dort, wo die Klamm sich erweitert und ins Dorfertal übergeht, würde eine 220 Meter hohe Staumauer stehen. Statt in der beschaulichen Klamm würde das Wasser in Druckleitungen über mehrere Stufen eine enorme Fallhöhe hinunter ins Tal, bis ins Dorf Matrei, zurücklegen und dort in den Kraftwerksturbinen Strom erzeugen. Die Klamm wäre verödet, die einzigartige Natur des Dorfertals wohl für immer verloren. Wären da nicht Wolfgang Retter und die Frauen von Kals gewesen.

Den gebürtigen Innsbrucker Naturschützer und promovierten Biologen verschlug es 1963 als Gymnasiallehrer und Erzieher in die Osttiroler Hauptstadt Lienz. Schon damals war Retter im Österreichischen Naturschutzbund aktiv. 1965 wurde Osttirol von einem desaströsen Hochwasser heimgesucht, im Zuge der Wiederaufbauarbeiten wurden alte Pläne für den Bau des großen Kraftwerksprojekts Dorfertal wieder aufgegriffen. 1971 beschloss die Tiroler Landesregierung unter Eduard Wallnöfer den Bau des Kraftwerks.

Zäher Widerstand#

Nach und nach wurde den Osttirolern klar, was eine Realisierung des Projekts bedeutet hätte: "Auf knapp unter 1900 Metern wären alle Gletscherbäche gefasst und über das Prinzip der kommunizierenden Gefäße in das riesige Staubecken im Dorfertal geleitet worden", erinnert sich Retter. Die Almen wären verloren gewesen - umgekehrt wären zahlreiche Arbeitsplätze entstanden. Nicht alle im Tal teilten deshalb das Engagement des Naturschützers und seiner späteren Frau, die damals beschlossen, Widerstand gegen das Projekt zu leisten. Im März 1973 wurden die Pläne erstmals detaillierter veröffentlicht. Retters Gegendarstellung im "Osttiroler Boten" stellte den Startschuss für die Kampagnen der Naturschützer dar. Es sollte ein langwieriger, beschwerlicher Weg werden.

Entscheidender Einsatz: Wolfgang Retter, seine Frau Erika, Theresia Hartig von den 'Kalser Frauen' und Carl Manzano, ehemaliger Direktor des Nationalparks Donauauen (v. r. n. l.)
Entscheidender Einsatz: Wolfgang Retter, seine Frau Erika, Theresia Hartig von den "Kalser Frauen" und Carl Manzano, ehemaliger Direktor des Nationalparks Donauauen (v. r. n. l.).
Foto: © Brunner Images/Philipp Brunner

Vor allem die Kalser Jungbauern stellten sich gegen das Kraftwerksprojekt. Sie hatten gerade erst ihre Höfe übernommen, der Erzählung von Land und Verbund Gesellschaft, das Projekt würde den Tourismus fördern und Wohlstand bringen, schenkten sie keinen Glauben. Auf Initiative von Retter und seiner Frau gründeten die "Aufständischen" den "Verein Erholungslandschaft Osttirol", "so waren wir keine Privatpersonen mehr, sondern eine Rechtsperson", sagt Retter.

Über die Bezirke übte das Land Tirol massiven Druck auf die Kraftwerks-Kritiker aus. "Wenn man sich in die Lage von kleinen Gewerbetreibenden versetzt und bedenkt, wie eng hier die politischen Strukturen sind, kann man sich ungefähr vorstellen, was das bedeutete", sagt Retter. Unterstützung und wichtige Argumente kamen schließlich von der Akademie der Wissenschaften in Wien. Sie legte erstmals ein Landschaftsgutachten über die ökologischen Auswirkungen des Projekts vor, mit einem vernichtenden Urteil: Eine "nachhaltige Zerstörung des naturnahen Tourismus" sei zu erwarten. In der Folge, erzählt Retter, mischte neben der Energiewirtschaft und der Landespolitik einerseits und dem in Entstehung begriffenen Nationalpark andererseits noch eine weitere Gruppe mit: Die "Venediger Erschließungsgesellschaft" plante, riesige Tunnels durch die Venediger-Gruppe zu treiben, massenhaft sollten so Touristen auf den Berg gebracht werden. "Die haben sich um den Faktor 10 verkalkuliert", sagt Retter.

Streitbare "Kalser Frauen"#

Die Projekte seien so groß gewesen, dass eine Auslastung mit Touristen nicht möglich gewesen sei. Der Alpenverein, sagt Retter, habe anfangs eine ambivalente Rolle gespielt, es habe auch Sektionen gegeben, die sich für das Kraftwerk ausgesprochen hätten. Der in der NS-Zeit erworbene große Grundbesitz in den Hohen Tauern aber stellte schließlich den Kern des werdenden Nationalparks dar.

Retter und seine Frau machten unbeirrt weiter. 1976 eröffnete Retter den Wasserschaupfad Umbalfälle. "50.000 Schilling Budget hatten wir damals", sagt er. Die Gemeinde Prägraten erkannte schnell, dass der Lehrpfad eine Werbewirkung erzielte und Touristen ins Tal lockte - aber eben auf die sanfte Weise, die sich die Osttiroler wünschten. Einen erneuten Anlauf des Tiroler Landeshauptmanns Alois Partl zum Kraftwerksbau im Jahre 1986 machten die "Kalser Frauen" zunichte - unterstützt von Umweltministerin Marilies Flemming, Nationalratspräsidentin Marga Hubinek und nicht zuletzt Landwirtschaftsminister Josef Riegler, der die Wasserrechtsverhandlung gezielt verzögert hatte. Für Wirtschaftsminister Robert Graf hatte das Projekt keine Priorität mehr, Kanzler Franz Vranitzky bestätigte das Nein. Am 30. März 1989 war das Projekt Speicherkraftwerk Dorfertal endgültig Geschichte.

Dieser Bericht erfolgte im Rahmen einer Pressereise des Vereins Nationalparks Austria.

Wiener Zeitung, 26. Juni 2019