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Was bleibt?#

200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx sind manche seiner Analysen der kapitalistischen Gesellschaft bis heute gültig.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 13. Jänner 2018

Von

Peter Rosner


Marx-Denkmal
Viele der apokalyptischen Prophezeiungen von Karl Marx sind glücklicherweise nicht in Stein gemeißelt... Foto: © Lonely Planet Image/Getty Images

Wird von Krisen im Kapitalismus gesprochen, wird oft Karl Marx bemüht. Bis heute. Meist ist dabei eine Krise des Kapitalismus gemeint. Dieser soll durch eine andere, bessere Wirtschaftsordnung abgelöst werden. Der Rekurs auf Marx ist verständlich. War es doch sein Bemühen, mit ökonomischer Theorie zu zeigen, dass die Probleme kapitalistischer Entwicklungen nicht unter Beibehaltung der Strukturen dieser Gesellschaftsordnung gelöst werden können. Es bedarf einer fundamental anderen Ordnung.

In der kommunistischen Interpretation der Theorie von Marx sollte die Ablösung des Kapitalismus durch eine von dessen Übeln befreite Gesellschaft im Wege einer Revolution erfolgen. Dieser Wandel würde getragen von der Arbeiterklasse, die allen Reichtum produziert, aber im Kapitalismus im Elend lebt. Eine Apokalypse muss durchlebt werden, damit der Weg zu einer guten Gesellschaft frei wird. Diese Vorstellung war eine Prophezeiung.

Aber Marx, dessen Geburtstag sich heuer am 5. Mai zum 200. Mal jährt, war ein systematisch argumentierender Theoretiker. Nach seiner Übersiedlung nach London im Gefolge der Niederlage der Aufstände 1848 arbeitete er an einer Theorie der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten kapitalistischer Wirtschaften. Auf viele Bände war das Werk angelegt. Einer wurde von ihm selbst veröffentlicht - "Das Kapital" Band 1 im Jahr 1867. Zwei weitere wurden von seinem Freund Friedrich Engels nach seinem Tod publiziert. Insgesamt bietet das Werk viele Einsichten, hat aber auch große innere Widersprüche.

Keine geschlossene Theorie#

Wie sollte es auch einer allein arbeitenden Person möglich sein, die umfassende Theorie der modernen Wirtschaft zu entwickeln - Wirtschaftswachstum, Krisen, Geld, Konkurrenz und Monopol, technische Entwicklung, die Verteilung der Einkommen? Zu allen Fragen gibt es interessante Ansätze im Werk von Marx, aber eine alles erklärende Theorie gibt es bis heute nicht. Es gibt auch nicht eine geschlossene Theorie, die alle Phänomene der physischen Welt erklären kann.

Ankündigung von Charlie Chaplins Film "Modern Times" in China, in welchem der Komiker Marx’ Vision der Ausbeutung der Arbeiter durch Maschinen treffend in Bilder umgesetzt hat.

Dennoch gibt es Gründe, die Theorie von Marx nicht nur als ein Objekt für historische Forschungen zu sehen. Dieser Theorie lag eine Vision der kapitalistischen Gesellschaft zugrunde, die in manchen Aspekten bis heute gültig ist. Sie ist nicht nur für bekennende Marxisten von Interesse, sondern auch für ein Verständnis der heutigen Gesellschaft und der Diskussionen über sie auch außerhalb dieses mittlerweile klein gewordenen Kreises.

Die Entwicklungen sozialer Strukturen, der Technologien und des wirtschaftlichen Reichtums sollten in einer aus nur wenigen Grundprinzipien heraus entwickelten Theorie erfasst werden. Der wechselseitige Zusammenhang dieser Entwicklungen ergibt die Dynamik des Kapitalismus.

Marx knüpft an den Einsichten der Aufklärung des 18. Jahrhunderts an: Gesellschaften erfahren eine Entwicklung. Zuerst die Urhorden mit nur wenig Ungleichheit. Diese Gesellschaften waren zu arm, als dass es viele davon geben konnte. Dann die etwas reicheren Agrargesellschaften, oft beruhend auf unfreier Arbeit mit Sklaven und Leibeigenen - und schließlich die noch reichere bürgerliche Gesellschaft mit gewerblicher Produktion und freier Arbeit. Daran knüpfte die Hoffnung, dass auch die Lebensverhältnisse der Ärmeren sich deutlich verbessern könnten.

Diese optimistische Sicht des späteren 18. Jahrhunderts, wie man sie etwa bei Adam Smith findet, wurde enttäuscht. Die Unternehmer waren nicht mehr überwiegend Handwerker, die mit eigener Arbeit, speziellen Werkzeugen und nur wenigen Arbeitskräften vor allem für den regionalen Markt produzierten. Sie waren die Organisatoren der Industrie geworden, die mit großem Einsatz von Maschinen und Arbeitern produzieren ließen. Marx war einer der ersten Gesellschaftstheoretiker, der diese Strukturänderung gesehen hatte.

Positive Vision der Kapitalisten#

Aus den Handwerkern waren Kapitalisten geworden - die Bourgeois. In "Das Kommunistische Manifest" werden sie 1847 als revolutionäre Klasse bezeichnet, eine für Marx positive Charakterisierung. Auf nur wenigen Seiten findet man eine Vision dieser Entwicklung, die bis heute gültig ist. Sie wird von kaum einem Apologeten des Kapitalismus an Prägnanz übertroffen.

Zentraler Inhalt dieser Vision: Die alte Gesellschaft des Feudalismus wurde durch ökonomisches Handeln, nämlich Profit anzustreben, zerstört. Die Bourgeoisie hat nicht militärisch gehandelt, wie bei einer Eroberung eines Volkes durch ein anderes, oder eines Staates durch einen anderen. Die Kapitalisten haben nur den eigenen Profit vor Augen. Dazu müssen sie neue Technologien und neue Produktionsstrukturen entwickeln. Nicht Pyramiden und Kathedralen werden gebaut, sondern Fabriken, in denen produziert werden kann. Binnen hundert Jahren wurde die Produktivität stärker entwickelt als durch alle früheren Generationen zusammen.

Weitere Folgen: Die Stadt drängt dem Land seine Kultur auf - und die Menschen werden dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Produktion und Konsumption werden kosmopolitisch, wodurch die barbarischsten Völker mit der Zivilisation in Kontakt kommen. Allen Nationen wird die kapitalistische Produktionsweise aufgezwungen. Die Bourgeoisie hat die Welt geschaffen, die für uns heute ganz selbstverständlich ist. Für Marx waren diese Wirkungen des Kapitalismus ein positiv zu bewertender Fortschritt. Freilich, die abwertende Wortwahl wäre heute nicht akzeptabel.

Das "Kommunistische Manifest" war aber keine Lobpreisung des Kapitalismus. Es war eine Kampfschrift gegen ihn. Zwar steigt durch die Entwicklung der Produktivkräfte der Reichtum an; aber die Struktur des Kapitalismus verhindert, dass die Arbeiter davon profitieren. Die für Marx entscheidende Ursache dafür: Arbeitskraft wird durch Maschinen ersetzt. Die Arbeiter in der modernen Industrie werden von den freigesetzten Arbeitskräften bedroht. Tatsächlich sank der Lebensstandard im frühen 19. Jahrhundert für große Teile der Arbeiterschaft. Das war die Basis für die Prophezeiung einer revolutionären Umgestaltung.

Ankündigung von Charlie Chaplins Film 'Modern Times' in China
Ankündigung von Charlie Chaplins Film "Modern Times" in China, in welchem der Komiker Marx’ Vision der Ausbeutung der Arbeiter durch Maschinen treffend in Bilder umgesetzt hat.
Foto: © Bettmann/Getty Images

Die zu entwickelnde Theorie sollte die beiden Aspekte des Kapitalismus in einem Ansatz erklären. An dieser Theorie arbeitete Marx nach seiner Übersiedlung nach London bis zu seinem Tod (1883). Hier kann nicht diskutiert werden, ob und wie weit es ihm geglückt ist, diese beiden Seiten des Kapitalismus in einem theoretischen Gebäude zu erklären.

Falsche Prophezeiung von Verelendung#

Unbestreitbar ist aber, dass die kapitalistische Wirtschaft die von Marx erkannte Dynamik bis heute aufweist. Zwar wurde in der sozialistischen Bewegung oft gesagt, dass sie erschöpft sei - aber das ist falsch. Die Globalisierung, die Entwicklung neuer Produkte, der Ersatz von menschlicher Arbeit durch Maschinen - das alles geht fortwährend weiter.

Die enorme Produktivität der modernen Wirtschaft geht aber nicht einher mit steigendem Elend derjenigen, die diesen Reichtum produzieren. Die Prophezeiung der ewigen Verarmung hat sich als falsch erwiesen. Die Armen unserer Welt findet man in den Ländern, die nur wenig kapitalistische Entwicklung hatten. Auf Basis der Theorie von Marx kann deren Elend nicht mit einer Ausbeutung durch die reichen Wirtschaften erklärten werden. Vielmehr wird dort mit sehr geringer Produktivität gearbeitet.

Auch ist im Rahmen der im frühen 19. Jahrhundert in England aufgestellten und dann von Marx weiterentwickelten Theorie ein Schluss auf eine Verelendung nicht zwingend. Dazu würde man zumindest zwei Annahmen benötigen. Erstens, es gibt keine Möglichkeit, im Kapitalismus über staatliche Strukturen politisch die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Ob denn das richtig sei, war wohl die zentrale Frage im Konflikt zwischen Reformisten und Revolutionären im sozialistischen Lager. Man kann wohl davon ausgehen, dass Marx Reformen im Kapitalismus bestenfalls als einen Zwischenschritt sah.

In seinem theoretischen Werk liest sich das freilich anders. So stützt Marx sich bei der Beschreibung des Elends der Arbeiter auf vom Staat erhobene Quellen; etwa auf die durch die Fabrikgesetzgebung notwendig gewordenen Arbeitsinspektoren. Die Beschränkung der täglichen Arbeitszeit in diesen Gesetzen wird von ihm als im Interesse des Kapitals und damit der wirtschaftlichen Entwicklung liegend gesehen. Ohne gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit würde nämlich die Produktivität sinken. Die staatliche Dokumentation des Elends der Arbeiter und die Fabrikgesetzgebung wurden nach sozialen Kämpfen eingeführt. Dass dadurch langfristig die Profite gesenkt wurden, kann wohl nicht behauptet werden.

So ist es bis heute geblieben. Im gegenwärtigen Kapitalismus gibt es in vielen reichen Staaten recht gut ausgebaute Regulierungen der Arbeitsbedingungen. Das ist nicht Ausdruck sozialer Harmonie, vielmehr waren diese Regulierungen das Ergebnis sozialer Kämpfe. Auch wenn oft von einem Kampf gegen hohe Profite gesprochen wurde, sind diese dadurch kaum gesunken. Die von Marx konstatierte dynamische Kraft des Kapitalismus war stark genug.

Keine einheitliche Arbeiterklasse#

Der zweite Grund, weswegen die Vermutung einer Verelendung der Arbeiter zu Widersprüchen innerhalb des theoretischen Systems von Marx führt, besteht in der Postulierung einer sozial einheitlichen Arbeiterklasse. Das hat sich ebenfalls nicht bewahrheitet. Es geht dabei nicht um die oft vorhandenen nationalen und politischen Unterschiede. Selbst, wenn man die Klasse der Arbeiter in weltproletarischer Absicht als Einheit sieht - und dieser Gedanke war Marx sicher nicht fremd -, so erfordert gerade seine Vision der Dynamik des Kapitalismus eine Differenzierung der Arbeitskräfte.

So wird im "Kommunistischen Manifest" festgestellt, dass die Arbeiter nicht nur von Kapitalisten geknechtet werden, sondern auch von Maschinen und Aufsehern. In Bilder umgesetzt wurde das etwa von Fritz Lang im Film "Metropolis", in dem Regimenter von gesichtslosen Männern in Reih und Glied in die unterirdischen Fabrikhallen marschieren; und von Charlie Chaplin, der in "Modern Times" von einer Maschine gefüttert wird, damit er, um Nahrung zu erhalten, seine Arbeit am Fließband nicht unterbrechen muss.

Aber wer hat die Maschine entworfen und produziert, die Charlie Chaplin das Essen zuführt? Wer konstruiert die Automaten, die heute in vielen Bereichen Arbeitskräfte ersetzen? Wer plant und baut die Hafenanlagen, in denen wenige Personen in wenigen Stunden ein großes Schiff entladen können? Es sind Arbeitskräfte. Sie haben meist deutlich mehr Qualifikation als jene Arbeitskräfte, die durch die Maschinen verdrängt werden. Und wer hat die Formung der Qualifikationen dieser Arbeitskräfte gemacht? - Wiederum Arbeitskräfte.

Das alles gab es auch schon zu jener Zeit, in der Marx seine Theorie entwarf. Damals handelte es sich um kleine Gruppen im Vergleich zu jener der Arbeitskräfte, die vor allem ihre körperliche Kraft einsetzen mussten. Das hat sich radikal geändert. In Österreich schließen fast 50 Prozent eines Jahrgangs eine Schule mit Matura ab. Ein großer Teil von ihnen setzt die Ausbildung danach fort. Ähnliches gilt für alle entwickelten Wirtschaften. Die soziale Struktur kann nicht auf zwei Klassen reduziert werden - die Bourgeoisie plus eine kleine Zahl gehobener Arbeitskräfte, die "Stehkragenproletarier", und die große Masse wenig qualifizierter Lohnabhängiger, die eigentlichen Proletarier.

Wahrscheinlich entsprach das Bild von zwei Klassen nie der Realität. Aber heute ist es eine absurde Karikatur. Die Gewinne von sehr profitablen Unternehmen beruhen meist auf der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien. Dazu werden gut qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Diese können nicht leicht ersetzt werden. Sie haben die Macht, hohe Löhne für längere Zeit zu erzwingen. Die in Folge technischen Fortschritts freigesetzten Arbeitskräfte sind hingegen oft nicht in der Lage, mit neuen Technologien so zu arbeiten, dass die Unternehmen Gewinne machen. Darüber hinaus sind ihre Arbeitsplätze durch Auslagerung und Immigration gefährdet. Im besten Fall stagnieren deren Einkommen, oft sinken sie. Die Ungleichheit der Einkommen aus Arbeit steigt. Das gilt für fast alle reichen Ökonomien.

Die von Marx konstatierte Vi-sion der wirtschaftlichen Dynamik im Kapitalismus verhindert das Eintreten des von ihm Prophezeiten. Gewiss, wer sich langfristig im unteren Drittel der Einkommensverteilung befindet, lebt auch in reichen Wirtschaften nicht gut. Armut droht. Aber es ist nur ein Drittel. Für zwei Drittel schaut es besser aus. Das oberste Drittel lebt gut.

Fragwürdiges Konzept von Ausbeutung#

Damit wird auch Marx’ Konzept von Ausbeutung fragwürdig. In seiner im "Kapital" entwickelten Theorie wird gezeigt, dass jeder Profit aus der Differenz zwischen dem Wert der Produkte und dem Wert der zur Herstellung dieses Produktes notwendigen Arbeit entsteht. Das ist ein klar definierter Begriff. Marx verwendet den wertenden Ausdruck "Ausbeutung" dafür. Das ist verständlich, wenn die Arbeiter im Elend leben. Aber ist es auch dann sinnvoll, wenn qualifizierte Arbeitskräfte mit guten Löhnen hohe Profite ermöglichen? Werden diese Arbeitskräfte mehr ausgebeutet als die Reinigungskräfte in diesem Unternehmen, die von einem entsprechenden Dienstleister mit nur niedrigen Profiten beschäftigt werden?

Und doch ist manches der negativen Seiten der Vision geblieben. Es gibt weiterhin Verhältnisse, die man auch als Ausbeutung bezeichnen soll. Nur die Theorie von Marx bietet jedenfalls keine Basis dafür. Die Arbeitermassen, die in geschlossenen Formationen Fabriken betreten, sieht man heute selten. Sie sind abgelöst worden von den sich langsam fortbewegenden Autoschlangen der zu ihren Arbeitsstätten fahrenden Menschen. Als Chaplin in seinem Film über die Arbeit in der Fabrik die Toilette aufsucht, um sich einen Moment auszuruhen, erscheint auf einem Bildschirm der Chef. Er fordert ihn auf, sofort zum Fließband zurückzukehren. Das war damals technische Utopie. Heute ist es leicht, die Bewegungen einer Arbeitskraft innerhalb des Betriebes genau zu verfolgen.

Die hohe Produktivität hat auch neue negative Folgen hervorgerufen. Zwei seien angeführt. Während die lokale und regionale Umwelt in den reicheren Regionen der Welt sich verbessert hat, sind die globalen Umweltprobleme bedrohlich geworden. Zweitens, die notwendigen Mittel, um ein recht gutes Leben führen zu können, sind billig. Aber billig sind auch die Waffen geworden. Die Bevölkerung wächst auch in Staaten, die seit Jahrzehnten von Krieg und Anarchie geprägt sind.

Wir leben in einer Welt, die Züge der Vision von Karl Marx trägt. Seine apokalyptischen Prophezeiungen haben sich aber glücklicherweise nicht bewahrheitet. Die Volksrepublik China lässt derzeit ein Denkmal für Marx in dessen Geburtsstadt Trier errichten. Es ist wohl eher dem Visionär des Kapitalismus gewidmet als dem Propheten des Sozialismus.

Peter Rosner, geboren 1948, ist Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. Publikationen zur Sozialpolitik und Geschichte ökonomischer Theorie.

Wiener Zeitung, 13. Jänner 2018