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Von Indien nach Krottendorf - Anekdotisches über einen Zeitgenossen#

Günther Jontes #

Das menschliche Erinnerungsvermögen ist nicht wie ein ständiger Film, der im Hintergrund des Denkens abrollt. Man kann es nicht, wie man heute sagen würde, „scrollen“. Es besteht eher aus Prägungen, die als Szenen im Gedächtnis geblieben sind, aber künftig aus der Vergangenheit über Zeiten bis in die Gegenwart des Lebens reichen und dieses beeinflussen. Sie können schattenhaft, aber auch sinnlich stark reproduzierbar sein.

Es gibt aber auch im Gedächtnis bewahrte Geschichten als eine Handlung, die wie die Szene eines Theaterstückes in sich geschlossen bewahrt wurde und in annähernd einander ähnlichen Worten erzählt werden kann, und meist auch eine Pointe hat.

Da es nicht sehr sinnvoll wäre, einen Lebenslauf wiederzugeben, den man andernorts bequem nachlesen kann, halte ich mehr davon, zwei Episoden aus meinem bisherigen Leben herauszugreifen, von denen ich meine, dass sie dem Leser einen gewissen Eindruck über Leitlinien geben, denen ich gefolgt bin.

Was ich nun als ersten Teil meiner mich bis heute bewegenden Kindheitserinnerungen wiedergeben möchte, hängt mit meiner schon früh entwickelten unbändigen Neugierde an der Welt als solcher zusammen. Die Erlebnisse beginnen mit den engen und gefährdeten Tagen der letzten Kriegsjahre und der elenden, durch Hunger geprägten Nachkriegszeit. Im Herbst 1946 trat ich in die Schule ein und wir lernten in den Monaten von September bis Dezember so gut wie alle lesen und schreiben. Man experimentierte nicht mit uns, von der Ganzheitsmethode, die man später wieder verwarf, war noch nichts zu hören. Die große Zahl der Lehrerinnen bemühte sich redlich, uns die Grundlagen von Bildung beizubringen. Lehrer gab es nur wenige, denn allzu viele waren im Krieg gefallen oder waren noch in Kriegsgefangenschaft. Und mit Blockbuchstaben MAMA und MIMI zu schreiben, dann zu den Druckbuchstaben überzugehen („Über Nacht haben die Heinzelmännchen bei jedem großen Buchstaben ein Stück weggesägt“, sagte uns die Frau Lehrerin!) und schließlich mit einem Bleistift, dann mit der Tintenfeder auf schlechtestem Papier zu schreiben, das war der Anfang. Und für mich erschloss sich eine wunderbare Welt des Lesens. Ich begann schon ganz früh, mir eine Welt, die anders nicht zu erreichen war, aus Büchern zu bauen.

Meine Eltern hatten selbst ein Bücherregal mit einigen Druckwerken. Sie waren wie so viele Angehörige des unteren Mittelstandes in Maßen bildungsbeflissen. Ihre Lektüre bezogen sie als Mitglieder der Deutschen Buch-Gemeinschaft, der Vater auch aus Leihbüchereien. Es gab keine Sachbücher, aber ich las mit wahrer Gier alles, was ich da vorfand und im Lesen bildeten sich in meinem Inneren phantasievolle Bilder von der Welt, die da in den Büchern geschildert wurde. Und so geschah es, dass ich schon im Alter von 8 oder 9 Jahren Ganghofer-Romane und dergleichen verschlang und damit immer lernte, einer Handlung in ihrer Entwicklung zu folgen. Bald ging mir dieser Lesestoff aus. Alle Mitschüler und Freunde fragte ich dann also, ob es in ihrer Familie Bücher gäbe, die man mir zum Lesen leihen könnte. Meine Großmutter, eine sehr belesene Frau, die die Städtische Bücherei unweit meines Elternhauses frequentierte, meinte, dass für mein Alter eigentlich vorerst Märchen- und Sagenbücher das Richtige seien. Ich musste sie enttäuschen, naschte aber an ihrer Lektüre mit, die sich in die Sparten „historischer Roman“ und „Reisebeschreibungen“ teilen ließen. Und da fiel dann der Groschen und das führte letztendlich nach siebzig Jahren dazu, dass ich diese Lektürewut an den Anfang dieser meiner inneren Autobiographie setze.

In der in jeder Hinsicht kargen Nachkriegszeit, in welcher man sich ein ganzes Jahr lang auf die Bratwurst freute, die einem am Heiligen Abend vor der Bescherung serviert wurde, war es ein Geschenk, das mich ganz gefangen nahm und dem ich jetzt diese Betrachtung widme. 1950 war ich gerade zehn Jahre alt geworden und die Eltern meinten, dass dies der Zeitpunkt sei, an welchem ich ein Buch unter dem Christbaum finden sollte. Und so geschah es.

Ich weiß nicht, wie sie eines fanden, das mir gerecht würde, denn meine Begabung in vielerlei Bereichen hatten sie wahrgenommen, wohl es auch zum Ziel ihrer Erziehung gemacht, ihren Ehrgeiz an mir zu befriedigen, denn ihnen war es nicht vergönnt gewesen, etwa ein Gymnasium zu besuchen, in das ich eben eingetreten war.

Um es kurz zu machen: Zur Weihnacht bekam ich diesmal ein dickes Buch, das mein Herz schon beim Lesen des Titels höher schlagen ließ: „Kreuz und quer durch Indien. Irrfahrten zweier junger deutscher Leichtmatrosen in der Indischen Wunderwelt“. Noch am selben Abend der Bescherung versank ich in der Lektüre. Ein neues Tor war aufgestoßen worden!

Man denke, dass dieser Abenteuerroman über die Abenteuer zweier junger Matrosen fast siebzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen noch immer ein Bestseller war. Verfasserin war die deutsche Schriftstellerin Sophie Wörishöffer (1838-1890), die früh verwitwet und kinderlos zu schreiben begonnen hatte und erfolgreich geworden war. Sie war übrigens eine Cousine von Detlef von Liliencron, dem famosen Dichter.

Jedenfalls verschlang ich, und dann immer wieder, diesen Roman, in welchem die beiden jugendlichen Helden in Bombay vom Bord ihres Schiffes fliehen und sich der Gauklertruppe eines unheimlichen Zwerges anschließen, der Verbindungen zur verbrecherischen Sekte der Thugs hatte, die den Briten in Indien damals so viel zu schaffen machten. Und nun reihte sich Abenteuer an Abenteuer, in welche die beiden verwickelt wurden. Beim Lesen fast vor Angst geschüttelt erfuhr ich zum Beispiel von der Sitte der Witwenverbrennung. Heute weiß ich, dass des Franzosen Jules Vernes berühmtester Roman „Reise um die Welt in 80 Tagen“, der bereits 1873 erschienen und im selben Jahr schon ins Deutsche übersetzt, sich intensiv gerade mit dieser Sitte auseinandergesetzt hatte.

Schon am Beginn von Kreuz und quer wird ein Ort geschildert, wo die beiden Helden mit der Truppe des unheimlichen Tippu zusammentreffen. Es sind dies die grandiosen Höhlentempel auf der kleinen Insel Elephanta eine halbe Stunde vor der Küste von Bombay. 1974 kam ich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Indien, das damals noch kaum vom Tourismus erfasst war. Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, mich nach Elephanta übersetzen zu lassen und war nun tief bewegt, an der Stelle zu stehen, an der mein inneres Indienerlebnis rein literarisch begonnen hatte und sich bis heute so fortgesetzt hatte, dass ich mich als einen wirklichen Indienkenner bezeichnen darf, der sich auch wissenschaftlich mit allen religionsgeschichtlichen, völkerkundlichen, sprachlichen, historischen und kulturellen Besonderheiten dieses einzigartigen südasiatischen Subkontinents auseinandergesetzt hat und es noch immer tut. Schon im Gymnasium hatte ich mich mit der klassischen Sprache Altindiens, dem Sanskrit, beschäftigt, was mir an der Universität in meinem Philologiestudium sehr zustatten kam, weil ich im Seminar in den Etymologien weiter zurückgreifen konnte, als meine Studienkollegen.

Ich schloss, als ich nun hierher kam, vor den gewaltigen Götterbildern des Shiva-Kultes aus dem 7.Jahrhundert n. Chr. die Augen und kehrte für Augenblicke sehr bewegt und ergriffen wieder in die geistige Welt meiner Kindheit zurück, wo dies alles begonnen hatte.

Der Tempel ist nicht aus Einzelteilen gebaut, sondern aus dem blanken Fels geschlagen worden. Er erzählt die Mythen um den hinduistischen Hochgott Shiva auf seinem Wohnsitz, dem Heiligen Berg Kailasha im tibetischen Teil des Himalaya. Durch Vorhöfe kommt man in gewaltige Hallen volle Götterbilder und Reliefs.

Höhlentempel auf der Insel Elephanta
Höhlentempel auf der Insel Elephanta

Zwar durch europäische, vorzugsweise christliche Barbarenhand vor Jahrhunderten verstümmelt, tanzt Shiva noch immer den Tandava-Tanz, mit welchem er das Universum mit seinen Gestirnen in Bewegung hält.

Und im Mittelpunkt steht das gewaltige Haupt des Shiva Maheshamurthi, das ihn in seinen drei Hauptaspekten zeigt.

Tandava-Tanz
Tandava-Tanz
Haupt des Shiva Maheshamurthi
Haupt des Shiva Maheshamurthi

Meine Hinwendung zu Indien kann ich also tatsächlich an einem ganz bestimmten Buch und an einem darin geschilderten Ort festmachen.

Dass ich Schritt für Schritt in meinem Leben in Wissenschaft und Forschung hineinwuchs, gipfelte später darin, dass ich, der ich mein Doktorat in Philosophie als Germanist und Kunsthistoriker erworben hatte, vom Ordinarius für Volkskunde Oskar Moser eingeladen wurde, mich bei ihm, für dieses gesamte Fach zu habilitieren. Dies geschah 1983 und nun lehrte ich dreißig Jahre lang am Grazer Institut für Volkskunde, das sich heute dieses Begriffs entledigt hat und sich mit dem nichtssagenden Titel Kulturanthropologie schmückt. Das ist nicht mehr meine Welt…

Ich kann hier ein Motto sprechen lassen, das ich mir von Gregor von Rezzori ausgeborgt habe. Er sagte in seiner Autobiographie über dieses Erinnern, welches ich auch hier zum Sprechen lassen versuche: „Schon was gestern geschehen ist. entzieht sich ins Geschichtliche. Vorgestern ist blasse Vorgeschichte. Vorgestern ist Mythenland“.

Was ich nun hier zum Thema mache, liegt fast zwanzig Jahre zurück und ist trotzdem in mir so lebendig geblieben, dass es, als ob es erst gestern erlebt worden sei, weiterwirkt.

In dieser langen Zeit meiner Tätigkeit an der Universität gingen unzählige Studenten durch meine Schule. Es waren viele hundert und meine Vorlesungen und Seminare waren stets ausnehmend gut besucht. Eine große Zahl von Hörern absolvierte bei mir das Magister- und Doktoratsstudium. Das war in einer Zeit, als das Seniorenstudium schon in voller Blüte stand. Wissensdrang aber auch die Befriedigung der Eitelkeit, einen akademischen Titel auf seine Visitenkarte setzen zu können, standen oft dicht nebeneinander, aber ich machte auch Entdeckungen, dass Pensionisten verborgene, bis jetzt verschüttete Fähigkeiten offenbarten, die sie noch im reifen Alter zu echten Wissenschaftern machten, Dissertationen und Diplomarbeiten sogar guten Gewissens zur Buchreife gebracht werden konnten.

In meine Zeit als Professor fiel auch der einzigartige Fall, dass ein Hörer, der schon fast alle Fakultäten mit akademischen Studien gekrönt hatte, abschließend sich auch der ihm noch fehlenden Geisteswissenschaftlichen Fakultät zuwandte und unter die Zahl der bei mir Studierenden trat. Es handelte sich um den weststeirischen Arzt Franz Meissel (1919-1995) aus Krottendorf im Bezirk Voitsberg.

Am Beginn des Wintersemesters 1988/89 bemerkte ich unter den „Neuen“ in meinen Vorlesungen auch einen älteren Herrn, der unter den dicht gedrängt Sitzenden auffiel, denn im Prinzip waren Männer unter den Senioren stark in der Minderzahl. Bei einer ersten Exkursion kam ich dann mit ihm auch in ein persönliches Gespräch und erfuhr einiges aus seiner beruflichen und familiären Lebenswelt. Er war noch als Arzt tätig, war Vater etlicher Söhne und Töchter, die es im Leben alle „zu etwas gebracht“ hatten. Als Mediziner war er in dem Distrikt zwischen Ligist und Voitsberg äußerst beliebt. Aus einer bäuerlichen Familie stammend, verleugnete er nie in Wort und Tat diese seine Herkunft. Sein Deutsch war leicht weststeirisch gefärbt und er war unter all meinen Hörern, die ich je hatte, derjenige mit den besten Lateinkenntnissen. Eine unverständliche Bildungspolitik hatte ja das Latein fast vollständig von der Uni verdrängt und manche Studenten fanden es für ein ungehörige Zumutung, wenn man von ihnen verlangte, in einer Quelle oder bei einer Inschrift auf Latein diese ins Deutsche zu übersetzen. Vom Griechischen will ich überhaupt schweigen. Jedenfalls hatte Meissel mit diesen Kenntnissen die besten Voraussetzungen, eine akademische Abschlussarbeit zu verfassen, die vor antiksprachlichen Quellen nicht zurückscheute.

Als dieser Ausnahmemensch sein Studium bei mir anfing, trug er schon eine ganze Reihe akademischer Titel. Am Anfang stand natürlich der Doktor der Medizin, für seinen Beruf der Doktor schlechthin. Als er den Rang eines Distriktsarztes anstrebte, hatte er sich auch mit vielen juristischen Materien zu beschäftigen und als Mensch, der immer alles ganz vollständig bewältigen wollte, belegte er auch ein reguläres Studium an der juristischen Fakultät, welches er mit dem Doctor iuris abschloss.

In den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in Graz auch noch ein Studium der Staatswissenschaften, das so einzig dastand, dass es scherzhaft auch als „Doctor Graz“ bezeichnet wurde. Und so kam es, dass Meissel dies gleich an sein Jusstudium anschloss und bald zum Doctor rerum politicarum (Dr. rer. pol) promoviert wurde.

Nun war, so schien es, sein Ehrgeiz geweckt und weiterzustudieren entwickelte sich zu einer Passion, die er als frei schaffender Arzt auch mit seinem Brotberuf vereinigen konnte. Seine bäuerlichen Eltern hatten ihn einst in seiner Jugend eigentlich zum Priester bestimmt. Allein der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach der Matura lenkte ihn zur Medizin hin. Als bisheriger dreifacher Doktor wollte er nun ein Theologiestudium angehen, das sich für ihn nun ein wenig erschwerte, weil durch die inzwischen eingetretene Studienreform zur Erlangung eines Doktorats die Vorstufe des Magisteriums vorgeschrieben war. Vorher hatte es an den Volluniversitäten nur den Mag. pharm, den Magister der Pharmazie gegeben, der quasi als ein Anhängsel an der Philosophischen Fakultät geklebt war.

Meissel stürzte sich also auf die Gottesgelahrtheit und schaffte in vorgeschriebener Zeit, auch die zusätzlichen Würden eine Mag. et Dr. theol. zu erlangen. Und der nächste Schritt in seinem Cursus honorum sollte ihn nun zu mir führen, der ich altersmäßig sein Sohn hätte sein können.

Zuerst tauchte er in meinen Vorlesungen auf. Das war im Wintersemester 1988/89. Er trug bei Kälte stets einen Uniformmantel der Feuerwehr, denn er war auch Feuerwehrarzt und bei den Ausrückungen stets dabei. Eifrig schrieb er mit, und von seiner umfassenden Allgemeinbildung und Belesenheit erfuhr ich noch vor den ersten Kolloquien, die er bei mir ablegte, als ich bei der ersten Exkursion mich nähe mit den „Neuen“ beschäftigte. Er fiel mir jedenfalls unter den etlichen Seniorenstudenten sehr positiv auf, die bei mir hörten. Diese hatten stets die ersten Reihen des Hörsaals okkupiert und verteidigten ihre Plätze eifersüchtig gegen „Eindringlinge“ besonders unter den „Jungen“. Meissel hatte sich unter diesen niedergelassen.

Ein Wort zu seinem Prüfungsverhalten sei noch gesagt. Als er sein Studium am Institut für Volkskunde begann, hatte er insgesamt schon über dreihundert (!) Prüfungen abgelegt. Man hätte also meinen können, dass ein Antreten zu einer solchen nur mehr reine Routine sei. Dem war aber nicht so. Meissel bereitete sich immer intensiv vor und ich hatte auch immer den Eindruck, dass er vorher immer sehr aufgeregt war, jedoch im Laufe des Prüfungsgespräches sein erworbenes Wissen klar und gekonnt auszubreiten in der Lage war. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je etwa „nur“ ein gut bekommen hätte.

Nachdem er die Grundlagen und Erfordernisse nach den damals geltenden Studienvorschriften erfüllt hatte, kam auch der Tag, wo er sich mir mit dem Wunsch offenbarte, bei mir eine Diplomarbeit zu schreiben. Und er kam auch gleich mit einem Vorschlag, mit dem ich mich umgehend einverstanden erklärte. Ich war bei einer mehrtägigen Exkursion zu Brennpunkten der Volksfrömmigkeit in Bayern auch nach Wasserburg am Inn gekommen, wo wir für die paar Tage auch im Quartier liegen sollten.

Und hier hatte mein Kandidat durch Zufall die Bekanntschaft einer alten Dame gemacht, die ein besonderes Schicksal hatte. Sie war als Kleinkind gelähmt und bewegungsunfähig gewesen. Ihre sehr frommen Eltern hatten sich dem damals besonders verehrten Bruder Konrad von Parzham aus dem Altöttinger Kapuzinerkloster verlobt, über den damals gerade der in der katholischen Kirche übliche Heiligsprechungsprozess geführt wurde. Dafür werden ja drei bezeugte Wunder, also Heilungsakte, die medizinisch nicht erklärbar sind, gefordert. Das kleine Mädchen wurde nach den Gebeten der Eltern plötzlich geheilt und erlangte die vollständige Kontrolle über seine Gliedmaßen. Eine Meldung an die Kirche erfolgte und dieses Wunder wurde als erstes der drei geforderten anerkannt. 1934 erfolgte tatsächlich die Heiligsprechung des Bruders Konrad, dessen Reliquien in Altötting noch heute viele Pilger anziehen.

Durch diese Ereignisse hatte sich der Lebensablauf dieser wundersam Geheilten vollständig geändert. Sie lebte ein sehr frommes Leben, trat zwar nicht in ein Kloster ein, blieb aber ehelos und war sich stets der besonderen Rolle bewusst, die sie in diesem Prozess gespielt hatte. Für Meissel war dies ein unglaublicher Ansporn. In zahlreichen Gesprächen ging er auf der einen Seite dem Einfluss der Geschehnisse auf Seele und Leben der Probandin nach. Auf der anderen begab er sich nach Rom, wo er in den vatikanischen Archiven die Akten um die Heiligsprechung Konrads von Parzham durcharbeitete. Der naturgemäß in lateinischer Sprache verfasste Vorgang wurde von ihm, dem das Latein keinerlei Schwierigkeiten bedeutete, in Bezug auf sein eigentliches Thema interpretiert und in die Diplomarbeit eingefügt, die ich dann mit ruhigem Gewissen mit einem „sehr gut“ beurteilen konnte.

Natürlich stand für meinen Kandidaten jetzt auch der Weg zum Doktorat der Philosophie offen. Und er beschritt ihn sofort und wollte wiederum thematisch im Bereich Volksfrömmigkeit bleiben. Diesmal wandte er sich der Verehrung des hl. Antonius von Padua in der Steiermark zu, der bekanntlich als Patron von all denjenigen angerufen wird, die etwas verloren haben und es nicht mehr finden können. Meissel begann also mit der Aufsammlung des Materials, bereiste Antoniuskirchen und war wieder recht eifrig bei der Sache.

Doch eines Tages nahm alles eine dramatische Wendung. Er kam zu mir und bekannte, dass er unter Leukämie litte und als Arzt wisse, dass er nicht mehr lange zu leben habe. Sein persönlicher Glaube gab ihm dazu viel Stärke und er meinte, dass er sein Studium noch abschließen wolle. Er schrieb auch an seiner Dissertation weiter, legte sich mir noch einige Mal vor, bis ich ihm bedeutete, dass er nun abschließen könne. Dann war es so weit, ich konnte approbieren und das Rigorosum wurde angesetzt. Ich war Hauptprüfer, mein bereits verewigter Freund Paul W. Roth und meine liebe Kollegin Elfriede Grabner waren Nebenprüfer.

Da der Kanditat gesundheitlich schon sehr geschwächt war, wurde von der Fakultät die Ausnahmegenehmigung erteilt, die strenge Prüfung am Krankenbett in seinem Haus in Krottendorf abzuhalten. An einem Samstag fuhren wir besagte Prüfer dorthin und prüften ihn solange, bis wir den Eindruck hatten, dass sein Wissen so firm und nachhaltig sei, dass er alle Voraussetzungen für einen positiven Abschluss erfüllt hatte.

Es verging eine Woche und wieder war ich an einem Samstag in der Weststeiermark, wo sich um sein Haus das ganze Dorf um seinen beliebtesten und bedeutendsten Mitbürger versammelt hatte und von der Familie, besonders seiner Frau Steffi, aufs trefflichste bewirtet wurde. Man hatte Franz Meissl in einen schönen Steireranzug gekleidet, sehr schwach und abgezehrt, doch mit glücklichen Augen saß er da. Im Namen des Rektors nahm ich selber sehr berührt die Promotion zum Doktor der Philosophie vor und überreichte ihm die Doktorrolle. Er hatte den Gipfel seines Lebens und geistigen Wirkens erreicht. Ich zog mich dann mit ihm zurück und es ehrte mich sehr, dass er, der Ältere, mir seinem Professor das Du-Wort anbot. Wir sprachen noch über Gott und die Welt und wussten beide, dass wir uns auf dieser Welt nicht mehr sehen würden.

Und wieder verstrich eine Woche und es war wieder ein Samstag, als ich abermals nach Krottendorf kam. Ein gewaltiger Leichenzug bewegte sich dem Sarge Franz Meissels folgend zu Fuß von Krottendorf zum Friedhof in Ligist, wo er seine letzte Ruhestätte finden sollte. Ganz am Schluss dieses Zuges, ja als letzte gingen drei Freunde, um einen vierten zum Grabe zu geleiten: Neben mir gingen der Schriftsteller und Kulturredakteur Alfred Seebacher-Mesaritsch und der Obermedizinalrat DDr. Robert Hesse. Beide sind auch nicht mehr unter den Lebenden.

Franz Weiß (1921-2014), der famose weststeirische Künstler, quasi der vierte in unserer Freundesrunde, gestaltete dann für Franz Meissel eine würdige Grabstätte, die neben den in Symbolen manifesten Studiengängen auch den gläubigen Hintergrund des Lebens des Verewigten mit einbezieht.

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