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Die Jahre nach dem Krieg#

Vor 70 Jahren erreichten die ersten Care-Pakete das Nachkriegs-Österreich. Zeitzeuginnen erinnern sich an die Kälte, die Angst vor den Russen und die Zuversicht, dass alles wieder besser wird.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 29. Dezember 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Nina Flori


Christa Chorherr
Christa Chorherr hat als Kind zwei Care-Pakete erhalten.
Foto: © Stanislav Jenis

Wien. "Am schlimmsten war die Kälte", sagen viele, wenn sie sich an die erste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Damals gab es kaum Brennholz, viele Fenster waren zerborsten und nur behelfsmäßig mit Brettern vernagelt. Es fehlte an warmer Kleidung und festen Schuhen.

Gleich nach der Kälte kam der Hunger. Die Wirtschaft war am Boden, es gab keine Lebensmittel zu kaufen. Nur der Tauschhandel florierte.

Christa Chorherr ist heute 81 Jahre alt. Sie erinnert sich noch gut daran, als sie im Herbst 1945 aus Oberösterreich in das zerstörte Wien zurückkehrte. Ihre Mutter wollte unbedingt, dass sie wieder eine "ordentliche" Schule besuchte, erzählt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". 1944 waren Chorherr und ihre Mutter ins Mühlviertel "auswagoniert" worden. Dort lebten sie gemeinsam mit anderen Familien aus Wien in einer alten Hufschmiede. Während sie in Oberösterreich Schwammerl sammeln, Beeren pflücken und in einem kleinen Garten Gemüse anbauen konnten, war die Versorgungssituation zurück in Wien dürftig. "Es gab hauptsächlich Maisgrieß zu essen", sagt Chorherr. "Den aber ohne Fett zu zubereiten, nur mit Wasser, das war eine Herausforderung."

An das Care-Paket, das ihre Familie im Winter 1946 erhalten hat, erinnert sich Chorherr noch heute. "Es waren lauter Produkte drinnen, die man nur sehr begrenzt hatte: Milchpulver, Kakao und Zucker. Oft war auch Löskaffee dabei. Der war etwas ganz besonders. Man kannte ihn bei uns damals nicht. Manche haben zu viel davon reingegeben und waren dann drei Tage wach", erzählt Chorherr lachend.

Gründung einer Organisation, um Hilfe zu koordinieren

Einmal habe sie sogar ein Paket bekommen, in dem auch Bleistifte und ein Block waren. "Die Bleistifte mit Radiergummi auf der oberen Seite waren für mich damals faszinierend. So etwas kannte ich nicht." Und auch der nilgrüne Rock, der sich ebenfalls in dem Paket befand und den sie "unfassbar schön" gefunden und lange getragen hat, ist ihr noch heute in Erinnerung.

100 Millionen Care-Pakete wurden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa geschickt, eine Million davon nach Österreich. Die Hilfsorganisation Care wurde 1945 in den USA gegründet, um private Hilfsinitiativen besser zu koordinieren.

In der Bevölkerung war die Freude über die Pakete groß. "Obwohl wir natürlich indoktriniert waren und zu Beginn skeptisch. Die Amerikaner waren schließlich der Feind", sagt Chorherr. Die Zweifel sind jedoch rasch gewichen. Die Amerikaner wurden zu den "Guten", die Russen jedoch weiter mit Argwohn betrachtet. "Ich habe meine Mutter, als ich zehn Jahre alt war, gefragt, was Vergewaltigung heißt. Das Wort war damals in aller Munde. Wegen der Gräueltaten, die die Deutschen in Russland begangen hatten, hatten die Russen den Auftrag, bei uns Frauen zu vergewaltigen", erzählt die 81-Jährige. "Dazu kam, dass sie alles abmontiert und mitgenommen haben. Das hat uns natürlich nicht so gefallen. Die Amerikaner hingegen haben Sachen gebracht."

Care-Pakete
Eine Million Care-Pakete erreichten bis 1955 das Nachkriegs-Österreich.
Foto: © Care

An die Angst vor den Russen erinnert sich auch die heute 78-jährige Gerti Zupanich, deren Großeltern in Klosterneuburg-Weidling ein Haus hatten. "Als die Russen im Mai 1945 ganz in der Nähe eine Kommandantur errichteten, haben wir aus Angst zwei Wochen lang im Wald gelebt", erzählt sie. "Mir hat das gefallen, es war ein Abenteuer." Schließlich kehrte die Familie in ihr Haus zurück. "Sie haben alle Hühner mitgenommen, aber die Ziege im Keller haben sie nicht gefunden", sagt Zupanich.

Im September ging die damals 7-Jährige wieder in Wien in die Schule. "Wir hatten Schichtunterricht, da nur ein Klassenraum beheizt werden konnte", erzählt sie.

Durch den Garten der Großeltern und einen rumänischen Stiefvater, der wohlhabende Verwandte hatte, litt die Familie von Gerti Zupanich weniger an Hunger als viele andere. "Ich bin relativ gut über die Kriegsjahre gekommen", sagt sie. Die Care-Pakete sind ihr trotzdem in starker Erinnerung. "Meine Mutter hatte für meine kleine Schwester nicht genug Muttermilch und hat ihr aus dem Nestlepulver aus dem Care-Paket Babyfläschchen gemacht. Wenn meine Schwester es nicht ausgetrunken hat, durfte ich es haben. Ich habe immer gehofft, dass sie mir etwas übrig lässt."

Es waren Spezialitäten wie Schokolade, Corned Beef oder Sardinen in Öl, die das Nachkriegs-Österreich erfreuten. Auch Gerti Zupanich erinnert sich an die Gerüchte, dass die Amerikaner die Österreicher mit den Produkten vergiften wollten. Die Unsicherheit wurde durch die Tatsache verstärkt, dass die Beschriftung aller Produkte auf Englisch war und damals kaum jemand Englisch sprach. Doch die Not hat die Furcht beiseite geschoben. "Es gab ja damals nichts zu kaufen, selbst wenn man Geld hatte. Man konnte nur tauschen. Eine Goldkette gegen einen Topf Schmalz etwa", sagt die 78-Jährige. "Die Kinder haben bei den Bauern um Lebensmittel gebettelt."

"Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie alles rausnimmt"

Obwohl Christa Auer damals erst vier oder fünf Jahre alt war, hat auch sie heute noch das Bild des beladenen Küchentischs und den Produkten aus dem Care-Paket vor sich. "Wenn ich daran denke, sehe ich meine Mutter vor mir, wie sie alles rausnimmt", sagt sie. "Und es kommt sofort dieses Gefühl in mir hoch, wie jemand, der uns gar nicht kennt, uns so eine Freude machen kann. Und das ohne Weihnachten und Geburtstag."

Care-Pakete
Care-Pakete
Foto: © Care

Die Familie von Christa Auer wurde im Krieg ausgebombt, der Vater galt zuerst als vermisst und wurde dann für tot erklärt. "Wahrscheinlich haben wir deshalb öfter ein Paket bekommen", sagt die heute 72-Jährige. Und immer sei auch ein kleines Spielzeug dabei gewesen.

Neben dem Mangel an Lebensmitteln erinnert auch sie sich noch gut an die bitterliche Kälte. "Wir hatten ja kein entsprechendes Gewand und waren immer draußen. Ich war immer blaugefroren und kann mich noch so gut an das Gefühl erinnern, wenn es wieder wärmer geworden ist." Erst mit zwölf hat sie ihren ersten Wintermantel bekommen. Christa Auer sagt, dass der Erhalt der Care-Pakete sie nachhaltig beeinflusst habe. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man anderen in schwierigen Zeiten ein Anliegen sein kann. Es ist irgendwie eine Wärme, die man mitbekommen hat. Etwas, das ich bis heute in mir trage."

Mit den Jahren wurde die Not der Nachkriegszeit gelindert. Die Versorgungssituation wurde zunehmend besser. "Wir waren alle wahnsinnig befasst mit dem Wiederaufbau", sagt Chorherr. "Plötzlich waren die Straßen geräumt und die Straßenbahnen sind wieder gefahren." Die Grundstimmung sei "unerhört positiv" gewesen. "Wir waren der Überzeugung, dass alles weitergeht und wieder besser wird." Diese Aufbruchsstimmung wünscht Chorherr auch der heutigen Jugend.

1955 wurde das letzte Versorgungspaket nach Österreich geschickt und Wien zum Hauptsitz von Care Europa erklärt. Im Zuge des Ungarnaufstands 1956 leistete man von hier aus Hilfe für die Flüchtlinge aus Ungarn.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 29. Dezember 2016