Page - 113 - in WAS BITS UND BÄUME VERBINDET - Digitalisierung nachhaltig gestalten
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zienz, Suffizienz, Konsistenz herausgearbeitet. Das
technikkonzentrierte Prinzip der Effizienz etablierte
sich schnell zum zentralen und politisch allseits an-
erkannten Instrument der Einsparung von Energie
und Ressourcen. Damit war die Hoffnung verbunden,
den ‹Way of Life› beibehalten zu können, denn durch
neue ‹grüne› Technologien
sollten Chancen für weite res
Wirtschaftswachstum ent-
stehen.
Ende der 1990er- Jahre
wurde deutlich, dass die
Effizienzstrate
gie nicht aus-
reicht, um die für eine nach-
haltige Entwicklung nötigen
Einsparziele zu erreichen,
insbesondere wegen des Re-
boundeffekts. Der Gedanke
der Suffizienz kam stärker in
die öffentliche Debatte. In-
zwischen ist die Einsicht gewachsen, dass Suffizienz
notwendig ist – nicht nur durch ein geändertes indivi-
duelles Verhalten, sondern auch durch andere gesell-
schaftliche Rahmenbedingungen.
DIGITALE SUFFIZIENZ – DAS RICHTIGE MASS
FINDEN
Wie lässt sich nun der allgemeine Gedanke der Suf-
fizienz in den Bereich der Digitalisierung übertra-
gen? Das Prinzip der digitalen Suffizienz wird von
dem Motto geleitet: ‹So viel Digitalisierung wie nötig,
so wenig wie möglich›. Es soll dazu dienen, die nicht
nachhalti gen Auswüchse einer ressourcenintensiven
Digitalisierung (zu) vieler Lebens- und Wirtschafts-
bereiche einzudämmen, möglichen Reboundeffekten
von digi
talen Effizienzsteigerungen entgegenzuwir-
ken und stattdessen die positiven ökologischen Po-
tenziale der Digitalisierung zu aktivieren. Insofern
geht es – wie bei Suffizienz im Allgemeinen – nicht
um einen auf opfernden ‹Verzicht› oder eine Ein-
schränkung um jeden Preis, sondern um das rechte
Maß, zum Beispiel um eine sinnvolle Anzahl digitaler
Geräte in Haushalten, Unternehmen und öffentlicher
Infrastruktur. Das Ziel ist, dass digitale Suffizienz
insgesamt zu einer deutlichen Reduktion der globa-
len Ressourcen- und Energie verbräuche und einer
nachhaltigen Entwicklung beiträgt. Das Prinzip der
digitalen Suffi
zienz wurde erstmals im Buch ‹Smarte
grüne Welt›3 definiert und mit den folgenden drei
Prinzipien inhaltlich gefüllt: Technik-, Daten- und Nutzungssuffizienz. Wir haben ‹ökonomische Suffi-
zienz› als viertes Prinzip hinzugefügt.
(1) Techniksuffizienz zielt darauf ab, Informations-
und Kommunikationssysteme so zu konzipieren, dass
nur wenige Geräte nötig sind und diese selten erneuert
werden müssen. Zunächst bedeutet Techniksuffizienz,
sich um eine sozial und ökologisch nachhaltige Herstel-
lung aller Geräte und Infrastrukturkomponenten (zum
Beispiel Rechenzentren) zu bemühen. Sogenannte Kon-
fliktrohstoffe, deren Einsatz mit sozialen und ökologi-
schen Problemen verbunden ist, müssen systematisch
aus der Produktion verbannt werden. Ökologisch be-
sonders umstrittene Stoffe und Produktionsverfahren
müssen nach Möglichkeit substituiert werden. Ferner
ist es wichtig, sowohl bei Hard- als auch bei Software-
entwicklung auf eine lange Nutzungsdauer zu achten,
ebenso wie auf Reparierbarkeit und modulare Erweiter-
barkeit von Geräten. Geplante Obsoleszenz darf es nicht
geben. Auch Software muss ‹reparierbar› und langfris-
tig nutzbar sein, wie es die Open-Source-Software be-
reits vormacht (siehe auch den Beitrag zu den Forderun-
gen der ‹Bits & Bäume› Konferenz).
(2) Datensuffizienz bezieht sich auf das Design
digi taler Anwendungen. Mehr Datenverkehr erfor-
dert mehr Serverkapazitäten und IT-Infrastruktur –
und im Allgemeinen auch mehr Stromverbrauch.
Software wird über die Jahre oft so weiterentwickelt,
dass sie zunehmenden Datenverkehr hervorruft.
Daten
suffizienz bringt auch die zentrale Frage in die
öffent liche Debatte: Wie viel permanente Vernetzung
und Datenverkehr ist wirklich nötig, um bestimmte
gesellschaftliche und ökologische Ziele zu erreichen?
Jede Diskussion über Smart City, Smart Home, Smart
Mobility oder das Internet der Dinge sollte stets mit
dieser kritischen Frage beginnen.
(3) Nutzungssuffizienz trägt der Tatsache Rech-
nung, dass Nachhaltigkeitsziele nicht durch smarte
Technologien allein erreicht werden können. Auch ein
Umdenken und veränderte Verhaltensmuster der Nut-
zer*innen sind gefragt. Wenn das Smartphone kaputt-
geht, können Nutzer*innen versuchen, es zu reparieren,
anstatt sich sofort ein neues Gerät zu kaufen – sofern
ein techniksuffizientes Design der Geräte dies zulässt.
Wenn im Internet Kleidung, technische Geräte oder
Möbel auch gebraucht statt neu gekauft werden, bedarf
es dafür dennoch der individuellen Bereitschaft. Und
auch
wenn
smarte
Netze
ein
dezentrales
Energiesystem
technisch möglich machen, so fußt die Energiewende
doch auf lokalen Initiativen und engagierten Men-
///<quote>
Die digitale
Suffizienz wird
mit drei Prinzipien
inhaltlich gefüllt:
Technik-, Daten-
und Nutzungs-
suffizienz. Wir
haben ‹ökonomische
Suffizienz› hinzu-
gefügt.
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WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Title
- WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
- Subtitle
- Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Author
- Anja Höfner
- Editor
- Vivian Frick
- Publisher
- oekom verlag
- Location
- München
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-SA 3.0
- ISBN
- 978-3-96238-149-3
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 152
- Keywords
- Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeitskommunikation
- Categories
- Informatik
- Technik