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Der Städtebau im schwarzen Wien | 55
angedacht, zur alleinigen Beschäftigung der Wiener Architektenschaft benutzt, sondern
hatten ihren Platz in der Entwicklung eines städtebaulichen Gesamtkonzeptes. In dikta-
torischen Systemen wie Italien, Deutschland und der Sowjetunion dienten die Wettbewerbe
beispielsweise der Klärung der zukünftigen städtebaulichen Form.56 Damit sollte auch in
Wien der Weg der städtebaulichen Planungsentwicklung des faschistischen Italien beschrit-
ten werden. Dort konnte sich erst über Diskurse in den Architekturmedien und über
Planungswettbewerbe der anfänglich auf räumlich isolierte Gebiete konzentrierte Stadt-
umbau 1931 zu einem städtebaulichen Generalplan ausweiten.57
Das ideologische Stadt-Raum-Konzept von Egon Riss, ausgearbeitet 1932,58 propagierte
technische Lösungen, die dazu genutzt werden sollten, das Leben des Individuums zu
vereinfachen.59 Dabei sollte eine intensive, sogenannte organische Raumerweiterung als
Aufwertung der räumlichen Ausnutzung des Stadtgebietes dienen.60 Ziel war einerseits
die Trennung zwischen Wohnen und Arbeit innerhalb einer aufgelockerten Einzelhaus-
bebauung61 sowie deren gleichzeitige Durchsetzung mit Kulturinstitutionen,62 aber auch
eine der stetigen Technisierung angemessene verkehrsgerechte Stadt.63 Dies sollte durch
den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und die gleichzeitige Verbreiterung von Gehsteigen,
die mittels alleeartiger Baumreihen von den Straßen räumlich und lärmtechnisch getrennt
sein sollten, bewerkstelligt werden.64
Oskar Sitte dachte 1935 in seiner Dissertation zu Problemen des Städtebaus die
Zusammenführung der wirtschaftlichen Modelle des Roten Wien und des privatwirt-
schaftlichen Wohnungsmarktes an. Dabei kam der gemeinnützigen Idee von Bauspar-
kassen und Baugenossenschaften, von ihm als „privatsozialistische (gemeinnützige)
Wirtschaft“65 tituliert, besondere Bedeutung zu. Damit sollte das Mittel gefunden sein,
eine wirtschaftliche und auch soziale Verwaltung von modernen Kleinstwohnungen zu
gewährleisten.66
Neben dem Ausbau verschiedenster Siedlungsformen sprach er sich für die Instand-
haltung von Verwaltungs-, Bildungs- und Kulturinstituten des Stadtkerns aus. Die gleich-
zeitige Sanierung baufälliger Häuserviertel der Altstadt im Sinne des Denkmalschutzes sollte,
überwacht von Rahmenplänen des Bezirksbauamtes, der Privatwirtschaft überlassen
werden. Sitte forderte die Herabsetzung der Bebauungshöhe für Neubauten, um im Stadt-
56 Bodenschatz, Diktatur, in: Czech, Doll (Hg.), Propaganda, Ausstellungskatalog, 2007, S. 60.
57 Bodenschatz (Hg.), Mussolini, 2011, S. 428.
58 Das Konzept wurde von Riss schon 1932 geschrieben, aber erst 1936 veröffentlicht.
59 Egon Riss, Raumveredelung – Die neue Stadt, Wien, 1936, S. 36–39.
60 Ebd., 1936, S. 19–22.
61 Er richtete sich damit direkt gegen das Konzept der Werkssiedlung.
62 Ebd., S. 31–34.
63 Ebd., S. 27.
64 Ebd., S. 14 f.
65 Sitte, Werdendes Wien, 1935, Dissertation, S. 25.
66 Ebd., S. 32–34.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Title
- Das Schwarze Wien
- Subtitle
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Author
- Andreas Suttner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 296
- Categories
- Geschichte Nach 1918