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Der Städtebau im schwarzen Wien | 65
bindung der Stadtbahn mit einem U-Bahnnetz an.123 Besonders interessant erscheint die
verkehrstechnische Anbindung des Zentralfernbahnhofes an den vorher vorgestellten
Flughafenentwurf von Brigitte Kundl, durch einen 260 m langen Fußgängertunnel.124 Der
Güterverkehr sollte aufgrund bereits bestehender Infrastruktur auf zwei Großbahnhöfen
und einem Nebenbahnhof abgewickelt werden: Stückgut- und Eilzugverkehr am neuen
Zentralfernbahnhof, Kohlen- und Wagenladungsverkehr am Nordbahnhof und Sammel-
ladungsspediteurverkehr am Nordwestbahnhof.125
Die Ausgestaltung des Bahnhofgebäudes orientierte sich weitgehend an den interna-
tionalen Beispielen. Drei nebeneinander angeordnete Haupthallen in Stahlkonstruktion126
sollten den Großteil der insgesamt 46.776 m² verbauten Fläche einnehmen. An der östli-
chen Längsseite sowie der nördlichen Stirnseite sollten niedrigere Bauteile in Eisenbeton
zur Ausführung kommen, die organisch mit den drei Hallen verbunden waren. Zwei davon
dienten den nördlichen, östlichen und südlichen Linien, eine Halle den westlichen Express-
durchgangslinien. Die Verbindung zu allen Zügen wurde durch einen einzigen geraden,
im ersten Stock liegenden Querperron127 bewerkstelligt, der in seiner Mitte durch eine
Stiegen- und Aufzugsgruppe128 mit der Kassenhalle129 im Erdgeschoss verbunden sein
sollte.130
Die äußere architektonische Erscheinung sollte durch die konstruktive Durchbildung
der drei Gleishallen dominiert werden, die ihren Ausdruck ebenfalls in der Gruppierung
der Baumassen fand. Das Gebäude sollte von außen als Bahnhof erkennbar sein.131
2.1.2.2.3 Zentralbahnhof von Johann Aigner
Johann Aigner entwarf 1937 auf Anregung von Alfred Keller132 an der Technischen Hochschule
Wien ein Projekt für einen Zentralbahnhof, das weitgehend die Wiener Verhältnisse im
123 Ebd., S. 33–35.
124 Ebd., S. 50.
125 Ebd., S. 39–41.
126 Die drei Bogenhallen mit jeweils 60 m Weite sollten eine Länge von 276 m und eine Höhe von 37 m haben, vgl.: Ebd.,
S. 80 f.
127 Der Querperron sollte mit zwei Dritteln seiner Länge an die Stirnseiten der Gleishallen I und II grenzen, das letzte Drittel
sollte unter die im zweiten Stock geplante Halle III reichen, vgl.: Ebd., S. 71.
128 Bestehend aus zwei breiten Steintreppen, einer dazwischenliegenden Rolltreppe und jeweils zwei an den Seiten der
Steintreppen angeordneten Aufzügen für jeweils 12 Personen.
129 Die Kassenhalle war als 12 m hohe Eisenbetonrahmenkonstruktion mit einer Fläche von 4.320 m² angedacht. Der
Fußboden sollte aus Natursteinen bestehen, die Wände aus lichtem Marmor. Die Belichtung sollte durch an zwei Seiten
angeordnete bis an die Decke reichende Stahlrahmenfenster gewährleistet werden. Ein Bankhaus, 36 Kassen, ein Rei-
sebüro, ein Rechnungsbüro sollten darin angesiedelt sein.
130 Kuschel, Zentralfernbahnhof, 1934, Dissertation, S. 51–56.
131 Ebd., S. 87.
132 Keller wurde 1930 ordentlicher Professor für Gebäudelehre, Bauwirtschaftslehre und Verkehrshochbau an der Techni-
schen Hochschule Wien.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Title
- Das Schwarze Wien
- Subtitle
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Author
- Andreas Suttner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 296
- Categories
- Geschichte Nach 1918