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tergrund dienen, um einer Liebesgeschichte schärfere Konturen zu verleihen.
Die für den Kalten Krieg konstitutive Bipolarität kommt dabei dem strukturel-
len Kern dieser Erzählungen entgegen, denn üblicherweise formieren sich die
Protagonistinnen und Protagonisten von Liebesgeschichten in zwei entgegen-
gesetzten Gruppierungen und deren hierarchische Organisation erlaubt es, sie
zwei entgegengesetzten Lagern zuzuordnen.4 Protagonisten mit gleichem sozi-
alen Status, gleichen Werten oder gleicher Nationalität bieten dem Liebesroman
hinsichtlich eines handlungsbedingten Spannungsverhältnisses weit weniger
Möglichkeiten. Die Herausforderung, die die erbitterte Feindschaft zwischen
den beiden Blöcken den Liebenden stellt, ergibt also eine höchst produktive
Ausgangssituation für Narrationen und trägt wesentlich zur genreübergreifen-
den Popularität des Romeo-und-Julia-Stoffes im Kalten Krieg bei. Nicht zufällig
wurde für den ersten Auftritt des Bolschoitheaters in Großbritannien, 1956 im
Royal Opera House in London, das Ballet Romeo und Julia von Sergei Prokofjew
gewählt.5
Im Hollywood-Film diente die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West
bereits vor dem Kalten Krieg als Folie für spannungsreiche Liebesgeschichten.6
So konvertiert in Ernst Lubitschs Ninotschka (1939) eine linientreue Kommu-
nistin, die von Moskau als Sonderbeauftragte nach Paris entsandt wurde, auf-
grund ihrer Liebe zu einem französischen Grafen zum Westen. Obwohl der Film
dem Genre der romantischen Komödie folgt, gibt es zahlreiche Anspielungen
auf die repressiven Verhältnisse im stalinistischen Russland, wie etwa die „Säu-
berungen“ zwischen 1936 und 1939 oder die Angst eines der Protagonisten, nach
Sibirien in ein Arbeitslager verschleppt zu werden. Als Ninotschka sich schuldig
fühlt, weil sie die Sowjetunion aufgrund ihrer Liebe zu einem „Westler“ verraten
hat, spielt sie betrunken ihre Exekution vor.7 Der Film wurde am 14. Novem-
ber 1950, also kurz nach dem sogenannten „Oktoberstreik“, als man im besetz-
ten Österreich eine kommunistische Machtübernahme befürchtete, erstmals in
den Kinos der Internationalen Zone in Wien gezeigt und zählte dort in seinem
ersten Monat mehr als 80.000 Besucher.8 Die zentralen Motive des Films wur-
4 Vgl. George Paizis: Love and the Novel. The Poetics and Politics of Romantic Fiction. Hound-
mills, Basingstoke [u.a.]: Macmillan Press Ltd. 1998, S.
74. „From the outset, the characters are
deployed in two opposite groupings. Their hierarchic arrangement allows them to be classified
in two opposing camps.“
5 Vgl. Caute: The Dancer Defects. S. 474.
6 Weitere Filme, die sich des Motivs Romeo und Julia unter dem Vorzeichen des Kalten Krieges
bedienen sind u.a. die britische Produktion The Young Lovers (1954), Eine Berliner Romanze
(1955/56) sowie Peter Ustinovs Romanoff and Juliet (1961), vgl. Stiftung Deutsche Kinemathek
(Hg.): Kalter Krieg. 60 Filme aus Ost und West. Berlin: Gallus 1991, S. 272 f., 275 f..
7 Vgl. Tony Shaw: Hollywood’s Cold War. Edinburgh: Edinburgh Univ. Press Ltd. 2007, S. 19.
8 Vgl. Markus Feigl: Kulturelle Visitkarten. Die (Re-)Präsentation der Besatzungsmächte in Wien
1945–1955. Wien: Stadt Wien MA9, S. 40.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918