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landsverrat“ in Moskau hingerichtet.32 Andererseits bediente sich das Ministe-
rium für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik aus-
gerechnet der sogenannten „Romeo“-Methode, die „mit wissenschaftlicher
Präzision zu einem regelrechten System der Agentenrekrutierung“33 entwickelt
wurde. „Romeo“-Agenten knüpften zum Ziel der Informationsgewinnung Lie-
besbeziehungen mit weiblichen Zielpersonen im Westen an. Vor allem Sekretä-
rinnen in politischen Abteilungen der BRD wurden mittels dieser Methode von
der Stasi zur Spionage bewogen.34 Wenn sogar der DDR-Geheimdienst bei der
Benennung seiner Methoden auf Shakespeares Drama zurückgreift, wird die
Aktualität des Stoffes mehr als deutlich. Allerdings hat man dies im MfS wohl
nicht zu Ende gedacht, bedenkt man das Schicksal Romeos in Shakespeares
Stück.
Dors und Federmanns Roman fand bei seinem Erscheinen große Beachtung,
wenn auch nicht immer Lob. Die Presse betonte, dass das Autorenduo mit „raf-
finierter Treue […] die von Shakespeare geknotete Tragödie“ wiederholt und
„die Scheintod-Geschichte [geschickt] in das zwanzigste Jahrhundert“ übertra-
gen habe, bemängelt jedoch, dass der Versuch „selbst bis ins kleinste Shakespe-
are zu wiederholen, […] die Geschichte manchmal an den Rand des Lächerli-
chen“35 bringe. Ein anderer Rezensent konstatiert dagegen, dass die im Jahrzehnt
zwischen 1945 und 1955 herrschenden Besatzungsverhältnisse in Wien durch
den Film Der Dritte Mann „längst schon zur Kulisse jeder Reportage herabge-
sunken
wären und kritisiert, dass über das ‚eigentliche Wien und seine Menschen […]
so gut wie nichts‘ zu erfahren wäre. Hinsichtlich der Protagonisten kommt er zu
einem harten Urteil: ‚Wie wenig Wien ist in diesem Buche, und wie schwer ist
es, Anteilnahme für Figuren aufzubringen, die sich nur zufällig in dieser Stadt
aufhalten und die künstliche Existenz von Angehörigen der Besatzungsmächte
führen! […] Sie ist nichts weiter als ein Fortsetzungsroman, dessen Geläufigkeit
durch fallendes Herbstlaub gemildert werden soll.‘36
Der Roman, der vor der Buchausgabe 1954 in der Münchner Illustrierten
Revue, mit einer Auflage von 600.000 Exemplaren, in Fortsetzungen erschienen
32 Vgl. ebd. S. 45 sowie zur Biographie Louceks S. 465–470.
33 Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen. Berlin: Propyläen 1999, S.
57
f.
Vgl. auch Kurt u. Max Tozzer: Das Netz der Schattenmänner. Geheimdienste in Österreich.
Wien: Holzhausen 2003, S. 126 f.
34 Vgl. Elisabeth Pfister: Unternehmen Romeo. Die Liebeskommandos der Stasi. Berlin: Aufbau
1999.
35 K. F.: Umgedichteter Shakespeare Anno 1955. In: Die Presse, 13.2.1955.
36 Sbg.: Nichts von Wien. In: Die Gegenwart, 15.1.1955.
Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 103
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918