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die man nicht erwidern kann, es drückte auf die Kehle, erschwerte das Atmen
kaum merklich, wollte sich ausdrücken.58
B. dagegen fühlt sich „selbst gekränkt durch die Einsperrungen der D. in ihrem
Berlin, er hatte eine private Wut auf die Sperrzonen, Minenfelder, Postenketten,
Hindernisgräben, Sichtblenden, Stacheldraht, Vermauerung, Schießbefehle und
Strafandrohung für den Versuch des Übergangs“.59 Er organisiert die Flucht für
D. aus Ostberlin mit einem gefälschten Pass. Obwohl sie als „Touristin aus Öster-
reich auf dem Weg nach Skandinavien“60 im westlichen Notaufnahmelager Mari-
enfelde unterkommt, begleitet sie B. dann nicht in seine Heimatstadt, eine mit-
telgroße Landstadt in Schleswig-Holstein.
Vierfache Besetzung: Simone und der Friede
Es gibt aber auch andere Texte, die die Konstellationen des Kalten Krieges auf
Liebespaare thematisieren. Einer der skurrilsten mag in diesem Zusammenhang
wohl ein Theaterstück österreichischer Provenienz sein. Denn mit insgesamt
vier „Romeos“ hat es die Protagonistin des Theaterstücks Simone und der Friede
(1947)61 von Adolf Schütz zu tun, welches er unter dem Pseudonym Georges
Roland veröffentlichte. Diese vier, den jeweiligen Besatzungsmächten (Ameri-
kanern, Russen, Franzosen, Engländern) zugeordneten Figuren, streiten um die
Gunst dieser undurchschaubaren „Julia“. Besonders heftig fällt dieses Werben
zwischen einem, – als einfältig dargestellten, Kaugummi kauenden – Amerika-
ner und einem linientreuen und „überkultivierten“ Russen aus. Dies mag der
Hauptgrund gewesen sein, warum der Inhalt des Stückes weder der sowjetischen
noch der amerikanischen Besatzungsmacht zusagte, und, als es 1948 in den Wie-
ner Kammerspielen aufgeführt werden sollte, von beiden verboten wurde. Erst
1951 gelangte das Stück in Stella Kadmons „Theater der Courage“ unter der Regie
von August Rieger zur Uraufführung „und wieder bestand die Gefahr“,62 wie die
Zeitschrift der sozialdemokratischen Studenten Neue Generation berichtete,
dass die Aufführung von einer Besatzungsmacht verboten werden würde.63
58 Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1965, S. 45 u. S. 47.
59 Ebd., S. 25–26.
60 Ebd., S. 218.
61 Adolf Schütz [Pseud.: George Roland]: Simone und der Friede. Ein Spiel in drei Akten. Typoskript.
Wien: Marton 1946 [Im Folgenden mit SF abgek.].
62 N.N.: Aus dem Kulturleben. In: Neue Generation 2 (1951) H. 3.
63 Am 28. Mai 1965 wurde es abermals im „Theater der Courage“ mit dem Titel „Die großen und
die kleinen vier“ aufgeführt. Vgl. Mounier Joukhadar: „Theater der Courage“. Geschichte,
Intention, Spielplan und Wirkung einer Wiener Kellerbühne. Wien: Univ.-Diss. 1980.
Vierfache Besetzung: Simone und der Friede 115
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918