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(unglücklich) verlobt ist und als Hostess im Grandhotel in Locarno arbeitet,
wird von Marguerite damit beauftragt, über ihr Hotelzimmer zu wachen sowie
ihre Post und Telefonate in Empfang zu nehmen. Während die Beziehung zu
Gina für Marguerite nur eine weitere Affäre ist, bedeutet sie für Gina einen
Bruch, was vor allem durch ihre Tagebuchaufzeichnungen, die die Geschichte
der beiden Frauen erzählt, deutlich wird.
Das Schicksal Ginas wird am Ende des Romans nur angedeutet, vermutlich
begeht sie Selbstmord. Sie ist kein Teil der Kalten-Kriegs-Elite wie Gaston, Kost-
ja oder Marguerite. Sie wird in das ideologische Spiel hineingezogen, ist nur
verständnislose Zeugin von deren Machenschaften und reflektiert darüber in
ihrem Tagebuch: „Eigentlich gehörte ich nicht dazu.“ (F 12) Gina versteht die
ideologische Rhetorik der anderen Protagonisten nicht, die diese verwenden,
um ihre wirklichen Motive zu verbergen und sieht nur die egoistischen Motive
hinter deren Taten. Gina vollzieht die symbolische Ermordung Kostjas mit einem
Brieföffner: „Es war ein Papierdolch, aber täusche sich keiner: was sie mit ihm
beging, war ein Mord. […] Ich sah dabei Kostjas Gesicht nur für einen Augen-
blick; ein Ausdruck, den ich nicht entziffern konnte, ein Mord- und Tot-
schlag-Ausdruck, einer der schießt oder eben erschossen wird […].“ (F 243)
Die Diskrepanz der ideologischen Rhetorik, die die Wahl des Individuums
zwischen der östlichen und westlichen Ideologie unterstreicht und der tatsäch-
lichen Praxis, in der eine solche Wahl keine wirkliche Signifikanz besitzt, wird
durch die Dreiecksbeziehung zwischen Marguerite, Gaston und Kostja verdeut-
licht. Denn diese Dreiecksbeziehung findet eigentlich nur in Marguerites Kopf
statt, und ist nichts anderes als ein Versuch, die Langweile und ihre ehelichen
Frustrationen zu vertreiben. Um ihrer Affäre eine größere Signifikanz zu ver-
leihen, beschreibt Marguerite ihre Pläne in den Begriffen des Kalten Krieges.85
Sie benutzt diese Topoi um ihre ehelichen Frustrationen zu kompensieren. Ihre
vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber politischen Werten zeigt sich in den
Vorbereitungen für den Aufbruch nach Polen. Sie packt nicht nur ihre gesamte
Haute-Couture-Garderobe ein, sondern kauft auch noch einen Porsche für die
Reise: „Ich hing nicht an all diesem Plunder, aber er mußte mit, in jenen Ost-
ländern war er ein Vermögen und Leben wert.“ (F 92)
Hans Kricheldorff betont anlässlich des Erscheinens des Romans in den Neu-
en deutschen Heften, dass selbst „wenn man Zweifel haben sollte“, ob die
Protagonisten als „zutreffende Abbilder einer Wirklichkeit“ gelten können, so
würden „solche Zweifel über der kalten Spannung und der sprachlichen Schär-
fe, mit denen das grausige Zeitthema hinter dem menschlichen Nebeneinander
85 Vgl. Elizabeth L. Pennebaker: „Ideas instead of bombs“. An examination of anti-communism
in Cold War Austria and its reflection in five novels (1950–1962). Oxford: Diss. 2001, S. 348.
Liebe zwischen Ost und West 127
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918