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Im Verlauf der größeren Auseinandersetzung, die in unsern Tagen zwischen De-
mokratie und Totalitarismus vor sich geht (und die eine Auseinandersetzung auf
Tod oder Leben ist) ergibt sich dem kritischen Beschauer bisweilen der Eindruck,
als sei es mit der Meinungs-Vielfalt auf unsrer Seite nicht mehr gar so weit her,
als steuerten auch wir immer deutlicher den Kurs des uniformen Denkens und
Redens. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das: nämlich im Negativen, in der
Negation des Totalitarismus. Den haben wir gar nicht gern. Gegen den sind wir.
[…] weil wir tatsächlich den Totalitarismus jeglicher Spielart meinen, Neo-, Kryp-
to- und Kommunazi, Leni-, Stali- und Kommunisten, wie’s grad kommt.26
Torberg ging es stets um die Definition der Unterschiede zwischen der „freien
Welt“ und dem Totalitarismus, wobei er metonymisch Amerika und Russland
mit den beiden Begriffen gleichsetzte. Aus Torbergs Perspektive operierte das
totalitäre System mit einer schwer wahrnehmbaren Lügenpolitik, um deren Ent-
larvung er stets bemüht war. Sein Antikommunismus operierte mit kabarettis-
tischem Witz und ätzenden Polemiken, der sich im Forvm in den „PS“-Glossen
und „Glossen zur Zeit“ artikulierte.
Nach Rabinbach funktionierte der Begriff „Totalitarismus“ ab 1947/48 als
„semantische Brücke“,27 die es ehemals Progressiven, zu denen auch Torberg
zählte, möglich machte, den Wechsel vom Antinationalsozialismus zum Anti-
kommunismus zu vollziehen. An seinen Freund Max Brod schreibt Torberg im
August 1947:
Ich weigere mich hartnäckigst und mit jeder Faser meines Intellekts, meines Cha-
rakters, meines Temperaments und meiner Gottgläubigkeit, auf die von den Kom-
munisten praktizierten Demagogien von ‚Nazifaschismus‘, ‚Imperialismus‘ u. dgl.
hereinzufallen, ich weigere mich, zwischen den einzelnen Erscheinungsformen
der totalitären Diktatur um einiger Nuancen willen zu unterscheiden, und wenn
der Endzweck des Kommunismus von dem des ‚Nazifaschismus‘ noch so himmel-
weit entfernt ist, so ist das, da die zu seiner Erreichung angewandten Mittel seine
Unerreichbarkeit perpetuieren, eben auch nur eine Nuance, und nicht einmal eine
besonders wesentliche.28
In Die zweite Begegnung eingeschoben sind persönliche Notizen des Protagonis-
ten, in denen ein weiterer politischer Diskursfaden erkennbar wird, der sich als
individuelle Emanzipationsgeschichte von kommunistischen Sympathien bezeich-
26 N.N.: An Stelle eines Leitartikels. In: Forvm 1 (1954) H. 1, S. 2.
27 Rabinbach: Begriffe aus dem Kalten Krieg, S. 21.
28 Friedrich Torberg: In diesem Sinn … Briefe an Freunde und Zeitgenossen. München, Wien:
Langen Müller 1981, S. 70 f. Darstellungsformen des Totalitarismus 139
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918