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dabei nicht einmal vor den Ministern halt machen würde. Rund 500.000 NS-Gau-
akten wurden nach 1945 von der Staatspolizei übernommen und im Heizungs-
keller des Parlaments versteckt und weiter verwendet. Diese wurden noch um
über 50.000 Spitzelakten, die in der Nachkriegszeit angelegt worden waren,
ergänzt. Wie Olah erklärte, sei es aber nicht die Aufgabe der Staatspolizei, Staats-
bürger zu bespitzeln: „Diese Methoden sind in Diktaturen üblich, sie waren es
auch in der Zeit der beiden Diktaturen in Österreich. Die Methoden wurden
aber nach 1945 fortgesetzt. Man ist nicht gleich dahintergekommen, weil die
Beamten diese Akten auch vor den eigenen Ressortministern geheimgehalten
haben.“117 Jeder dritte Österreicher, so erklärte Olah, sei in den Akten der Staat-
spolizei verzeichnet.118 „Durch die Bespitzelung der verschiedensten Persönlich-
keiten hat sie einen Eingriff in die Privatsphäre durchgeführt. […] Ein Spitzel-
wesen hat in einer Demokratie aber nichts zu suchen, schloß Olah.“119 Und das
beschreibt auch die politische Stoßrichtung von Hinterbergers Roman.
Lustvolles Bedrohungsszenarium
In ihren Kabarettprogrammen begegnen Carl Merz und Helmut Qualtinger den
Bedrohungsszenarien des Kalten Kriegs mit den Mitteln der Satire und nehmen
konkreten Bezug auf das Zeitgeschehen.120 Als Beispiel für ihre „sozialpartner-
schaftlichen“ und mit antikommunistischen Ressentiments aufgeladenen Kaba-
retttexte soll der Sketch Ob wir das noch erleben? 121 (1954) angeführt werden.
Das Stück entwirft eine Dystopie, die davon ausgeht, dass Österreich über Nacht
in eine Volksdemokratie umgewandelt und in „UdSOeR“ – „Union der sowjeti-
schen österreichischen Bundesrepubliken“ – umbenannt wurde. Das totalitäre
System wird nach Österreich transponiert und seine möglichen Auswirkungen
werden satirisch durchgespielt. Dies hatte durchaus verbreitete Ängste als Hin-
tergrund, denn Österreich war aufgrund seiner geographisch exponierten Lage
direkt am „Eisernen Vorhang“ besonders von den Entwicklungen des Kalten
Krieges betroffen. Das Bedrohungsszenario einer Machtübernahme durch die
KPÖ mit Unterstützung der sowjetischen Besatzer wurde angesichts der Ereig-
nisse in Budapest (1947), Prag (1948) sowie der ersten Berlin-Blockade (1948),
aber auch des sogenannten innerösterreichischen „Oktoberstreiks“ (1950) beson-
117 N.N.: Olah räumt Spitzelnest aus. In: Arbeiter-Zeitung, 29.1.1964, S. 1.
118 N.N.: Jeder dritte Oesterreicher in Staatspolizeiakten. In: Arbeiter-Zeitung, 6.2.1964, S. 1.
119 N.N.: Spitzelakten werden unter Kontrolle vernichtet. In: Arbeiter-Zeitung, 30.1.1964, S. 1.
120 Vgl. Klaffenböck: Zwischen Agitation und Konformismus, S. 154.
121 Carl Merz, Helmut Qualtinger: Ob wir das noch erleben. In: Helmut Qualtinger: Werkausga-
be. Hg. v. Traugott Krischke. Bd. 2, Carl Merz und Helmut Qualtinger: ‚Brettl vor dem Kopf‘
und andere Texte fürs Kabarett. Wien: Deuticke 1996, S.
29–45 [Im Folgenden abgek. mit NE].
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178 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918