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Die österreichische Furche veröffentlicht hatte. Dort bezeichnet Heer das
„KZ als hervorstechendstes Phänomen moderner soziologischer Entwicklung“
und es sei keineswegs auf den Nationalsozialismus beschränkt. Die „geschlos-
sene Welt der Konzentrationslager“ sei
[…] eine gigantische Monade ohne Fenster […] Ein Gegenkosmos, mit seinen
eigenen Hierarchien, Stände- und Lebens-, Wert- und Wirtschaftsordnungen.
[…] Das KZ liquidiert den Menschen als Person und Persönlichkeit, indem es ihn
seines Gerichtsstandes beraubt; sowohl nach dem Recht des Dritten Reiches wie
auch dem der UdSSR ist kein Richter und kein Urteil mehr nötig, um ein Indivi-
duum dem Lager überweisen zu können.3
Heer richtet seine Attacke dann gegen diejenigen politischen Führer, die die
Konzentrationslager öffentlich verteidigen und legitimieren. „Dies gilt sowohl
für die deutsche wie auch für die an sich von dieser verschiedenen sowjetische
Fassung.“4 Und in einer polemischen Parallelisierung nennt er als Apologeten
der KZ die NS-Kriegsverbrecher Hermann Göring und Heinrich Himmler einer-
seits und Ernst Fischer andererseits. Nicht weniger provozierend ist freilich die
Einleitung zu Fischers Antwort, wo zuerst von der Auflösung der letzten sow-
jetischen „Internierungslager“ in der DDR berichtet wird, in denen „schwerbe-
lastete Nazielemente und schwerer Kriegsverbrechen verdächtigte Personen“5
inhaftiert gewesen seien. Die Gefangenen in sowjetischen Lagern werden somit
indirekt als Naziverbrecher diskreditiert.
Die Diskussion zwischen dem „intellektuellen Haupt des österreichischen
Kommunismus“ (Heer über Fischer)6 und dem „ernstzunehmenden Historiker“
und „gedankenreichen, jungen Schriftsteller“ (Fischer über Heer)7 geht noch
über einige Ausgaben der jeweiligen Hauszeitschrift weiter und bildet den öster-
reichischen Ausläufer einer internationalen Gulag-Debatte, in die zahlreiche
bedeutende Intellektuelle in Europa involviert waren.8 Schon seit den dreißiger
Jahren des 20.
Jahrhunderts war die Frage nach der Wirklichkeit der sowjetischen
3 Heer: Welt ohne Fenster, S. 3.
4 Ebd.
5 Fischer: TB diskutiert. Sprechen wir von den Konzentrationslagern.
6 Heer: Das Heil, S. 3.
7 Fischer: TB diskutiert. Sprechen wir von den Konzentrationslagern.
8 Der Begriff „Gulag“ ist ursprünglich eine Abkürzung für das russische „Glawnoje Uprawleni-
je Lagerei“, was wörtlich „Hauptverwaltung der Lager“ bedeutet. Spätestens seit Alexander
Solschenizyns epochalem Archipel GULAG steht der Begriff für das System der sowjetischen
Straf- und Zwangsarbeitslager insgesamt, wie es in seiner zentralen Periode zwischen 1929 und
1956 existierte. Vgl. Alexander Solschenizyn: Der Archipel GULAG. Drei Bände. Bern: Scherz
1974–1976.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
230 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918