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Personelle Kontinuitäten
Neben der Wiederholung von Handlungselementen (Hauseinsturz, Flucht) oder
dem Hinweis auf Parallelen in Ideologie und konkretem politischen Handeln
lässt sich in der österreichischen Literatur eine weitere Möglichkeit der kompro-
mittierenden Assoziation einer der beiden Seiten im Kalten Krieg mit dem Nati-
onalsozialismus finden, nämlich die Darstellung von Figuren, die von Anhän-
gern des Hitlerregimes zu Anhängern einer Großmacht des Kalten Krieges
werden, ohne dass sie sich dazu besonders verändern mussten. Diese diskursive
Strategie wird gerade in offenkundig propagandistisch angelegten Texten gern
angewandt. In Leo Katz’ Die Grenzbuben (1950) legt der unsympathisch gezeich-
nete Schuldirektor dem sympathischen Lehrer Albert nahe, sich von (kommu-
nistischen) politischen Aktivitäten fernzuhalten. Darauf antwortet dieser:
Sie, Herr Direktor, müssen in letzter Zeit ihre Ansichten gewechselt haben. Allzu
viele Jahre sind noch nicht vergangen, seitdem hierzulande die Nazis herrschten. Und
soweit ich mich entsinnen kann, standen Sie den Nazis doch sehr nahe, und Sie haben
selbst die braune Uniform, die Sie jetzt am liebsten leugnen möchten ... (G 208)
An dieser Stelle unterbricht der Direktor den Lehrer und beendet das Gespräch.
Ganz im Sinne der KPÖ-Propaganda der frühen Nachkriegszeit werden die Kri-
tiker des Kommunismus einfach zu unbelehrbaren Nationalsozialisten erklärt
(vgl. den Beginn dieses Kapitels).
Der personellen Kontinuität des ehemaligen Nationalsozialisten und späteren
Antikommunisten in Die Grenzbuben kann die Figur des Polizisten in Carl Merz’
und Helmut Qualtingers Geisterbahn der Freiheit (1959) kontrastierend gegen-
übergestellt werden. Dieser deutet an, dass er 1938 vom Anschluss begeistert
war, später zeigt er sich von der „Disziplin“ der kommunistischen Jugend eben-
so beeindruckt:
SOSIA Wir sind nämlich auch aus dem Jugendlager.
Man hört Sprechchöre.
POLIZIST Und da san Se net bei der Schlußfeier? Es hat schon ang’fangen. Schau’n
S’, geh’n S’ eini![...] Das muß man sagen. Da is’ a Disziplin! Eisern …
PETER Und das imponiert Ihnen?
POLIZIST Alles, was recht ist: A Organisation haben’s … Wie s’ da aufmarschiert
sein mit de Fahnen ... Und der Jubel … wie am Schnürl … wann i denk’, wie mir
so marschiert sein … 38 … (GF 237 f.)
Je nach politischer Stoßrichtung des Textes wird die Hinwendung eines ehema-
ligen Nationalsozialisten zum Kommunismus oder Antikommunismus als logi-
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
274 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918