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Der Wunsch, der deutsche Soldat Stumpf, der mit der unheilbaren Kriegsver-
letzung des Kioskbesitzers, dem abgetrennten Bein, auch durch seinen Namen
verbunden ist, möge durch die ‚Amerikaner‘ festgenommen werden, erfüllt sich
in Fischers Drama nicht. Noch in derselben Szene tritt der unverändert natio-
nalsozialistisch gesinnte Stumpf auf und identifiziert sich augenblicklich mit den
amerikanischen Kriegszielen im gerade aktuellen Koreakrieg:
Stumpf (mit schwarzer Brille, tritt an den Kiosk): Gib mal her! Geht’s gut in Korea?
[...]
Verkäufer: Gut für wen?
Stumpf: Gut für uns. (BB 8)
In derselben Szene trifft Stumpf auf seine alte Bekannte Thusnelda, die der Kiosk-
besitzer wie folgt charakterisiert: „Mit dem Hakenkreuz eingeschlafen und mit
dem Sternenbanner aufgewacht“ (ebd.). Sie nennt den Stadtkommandanten der
amerikanischen Besatzungsmacht, der sie als ‚Sekretärin‘, eigentlich aber als
Konkubine beschäftigt, „Bob“ und maßt sich aufgrund dieser Bekanntschaft eine
Machtposition an. Aber auch Stumpf möchte sie sogleich nach seiner Rückkehr
wieder zu seiner Begleiterin machen. Er erhebt außerdem Ansprüche auf das
größte Wirtschaftsunternehmen der Stadt, die Seifenfabrik, ehemals arisiertes
Eigentum des ermordeten Juden Schwarzschild, dessen Präsident nunmehr der
von der CDU gestellte Bürgermeister Holzwurm ist. Auch auf diese Fabrik haben
es die amerikanischen Besucher abgesehen. Bill Caldwell, ein amerikanischer
Geschäftsmann, möchte diese billig im verarmten Nachkriegsdeutschland auf-
kaufen, um sich der Produktionsmittel der Stadt zu bemächtigen, die dann für
die Rüstungsindustrie eingesetzt werden sollen. Der zuständige US-General ver-
langt parallel dazu die Unterminierung der Brücken, um sich auf den kommen-
den Krieg mit dem „Bolschewismus“ (BB 16) vorzubereiten.
Die einheimische Bevölkerung hat hingegen ganz andere Interessen: Frieden
und Aufbau – dafür steht auch die neu eingeweihte Brücke, deren Sprengung
der US-General vorbereitet: „Die Brücken von Breisau wurden im Jahr 1945 von
Kriegsverbrechern gesprengt. Die Brückenweihe soll ein Fest des Aufbaus und
des Friedens sein.“ (BB 17) Der erhoffte Brückenbau mit Hilfe der USA wird
aber in Fischers Drama von dieser Besatzungsmacht sabotiert, da sie das besetz-
te Land bedenkenlos einem Krieg gegen die UdSSR opfern würde. Leitmotivisch
durchzieht diese Szenen der Ruf der SPD-Stadtratsgattin Schuster nach ihrem
Mann („Adolf!“), sodass eine Verbindung zwischen dem von Adolf Hitler aus-
gelösten Krieg und einem drohenden weiteren Krieg in Europa hergestellt wird,
einem Krieg, der durch die in den Text eingestreuten Medienberichte aus dem
Koreakrieg zusätzlich als aktuelle Bedrohung erscheint.
Im Laufe der Handlung kristallisiert sich immer stärker die Opposition von
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
282 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918