Page - 284 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 284 -
Text of the Page - 284 -
nehmen wollen, sind sie bereit, den Gegner im Zweiten Weltkrieg nunmehr als
Verbündeten anzusehen:
Caldwell: […] wir tragen nichts nach. […] In einem fremden Land sperrt man
häufig die Falschen ein, bevor man die Richtigen entdeckt. […]
Stumpf: Ihr habt den falschen Krieg geführt.
Caldwell: Jetzt kommt der richtige.
Stumpf: Jetzt braucht man den deutschen Offizier. (BB 56)
Ob Hitler angesichts der Doppelbedrohung vieler europäischer Staaten und der
USA durch Deutschland und die stalinistische Sowjetunion der ‚richtige‘ Geg-
ner für den Westen war, soll auch Winston Churchill nach Kriegsende in Zwei-
fel gezogen haben: „‚Wir haben das falsche Schwein geschlachtet‘, lautet eines
der bekanntesten Churchill-Zitate in Bezug auf Hitler und Stalin“,78 dessen
Authentizität allerdings fragwürdig ist.
Am Ende von Fischers Drama steht jedenfalls die Kooperation der USA mit
dem Nationalsozialismus. Der Nazi Stumpf wird nun zum offiziellen Vollstre-
cker der außenpolitischen Ziele der USA. Militärischer Drill, Internierung poli-
tischer Gegner und Antikommunismus werden als verbindende Elemente zwi-
schen der „amerikanischen Militärregierung“ und dem Nationalsozialismus
ausgestellt, wobei die Figur Stumpf diese Kontinuität herstellt und äußerst pla-
kativ greifbar macht. Als Caldwell beschließt, die Brücken nunmehr ohne Pläne
zu sprengen, und Stumpf ruft, antwortet dieser prompt: „Heil Truman!“ (BB 68)
Das Drama endet damit, dass die amerikanischen Figuren unter Drohungen und
gemeinsam mit Stumpf die Szene verlassen, während die Stadtregierung den
Forderungen der Bevölkerung, die sich zu einer politischen Bewegung gegen die
amerikanische Besatzung formiert hat, nachgeben muss.
Ist der ehemalige Wehrmachtsoffizier Stumpf einerseits eine durch und durch
negativ gezeichnete Figur, so weist Fischers Drama andererseits auch eine über-
raschende Amnestiebereitschaft gegenüber ehemaligen NS-Mitgliedern auf,
sofern diese nur „für den Frieden“ sind. So erklärt die Kommunistin Barbara:
„Heute wird nicht gefragt, was gestern war. Und wenn er ein Nazi war und bei
der SA, wer für den Frieden ist, marschiert mit uns.“ (BB 59)79 Fischers so gar
78 N.N.: Churchills Geheimnisse. Ein elektrischer Stuhl für Hitler. In: Spiegel Online. Panora-
ma. 1.1.2006. http://www.spiegel.de/panorama/churchills-geheimnisse-ein-elektrischer-stuhl-fu-
er-hitler-a-393053.html, [zuletzt aufgerufen 21.8.2013].
79 Vgl. Jürgen Egyptien: Der lange Schatten des Stalinismus. Ernst Fischers literarisches Werk der
fünfziger Jahre und die beginnende Entdogmatisierung seines ästhetischen Denkens. In: treib-
haus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre
10 (2014): Österreich, S.
117–131,
hier S. 117 u. 124. Egyptien weist auch auf das antisemitische Konzept des Antikosmopolitis-
mus bei Fischer hin.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
284 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918