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sie – wenn die UdSSR in Schach gehalten werden konnte – ein neues, kriegslo-
ses Zeitalter unter einer einheitlichen Weltregierung einleiten könnte.73 Die
positive Konnotation, die der Atombombe während dieser Zeit zukam, machte
sie als technisches Wunderwerk genießbar. Den Atombombentests vom 1. und
25.
Juli 1946 nahe dem Bikini-Atoll eignete laut Stölken-Fitschen ein „[s]pekta-
kelhafte[r] Charakter“.74 Den Hunderten von eingeladenen Journalisten wurde
„die größte wissenschaftliche Vorstellung der Welt [geboten], veranstaltet von
den Vereinigten Staaten mit der Atombombe als Star“75 – verkündete eine ame-
rikanische Presseagentur. Drei Wochen später benannte Louis Réard einen Bade-
mode-Zweiteiler für Damen nach dem Atoll, der ebenso sensationell wirken soll-
te. Die ungeheure Macht der Atombombe erzeugte offenbar auch Genuss, wie
Psychologen schon 1950 feststellten.76 Lust gepaart mit der Angst vor der katas-
trophalen Wirkung, diese doppelte Signatur der atomaren Bedrohung als Faszi-
nosum und Grauen ist es, die innerhalb des zeitgenössischen Diskurses häufig
in mythologischen und religiösen Bildfeldern festzuhalten versucht wurde. 77
Prometheus, Frankenstein, Faust und Zauberlehrling: Der Mensch als göttlicher
Dilettant
Der US-amerikanische Journalist William L. Laurence, der 1945 und 1946 vier
von den USA initiierten Atombombentests beiwohnte, vergleicht deren Gewalt
mit dem von den Göttern geraubten Feuer des Prometheus:
In jenem unendlich kleinen Bruchteil der Zeit [als die Atombombe detonierte],
hatte Prometheus seine Fesseln gesprengt und ein neues Feuer auf die Erde ge-
bracht, ein Feuer, das dreimillionenmal gewaltiger war als das, was er den Göttern
zum Wohl der Menschheit vor undenklichen Zeiten entrissen hatte.78
73 Vgl. Boyer: By the Bomb’s Early Light, S. 34 f.
74 Stölken-Fitschen: Der verspätete Schock, S. 144.
75 Ebd.
76 Vgl. ebd., S. 144 f.
77 „Das halbe Jahrhundert dieses sogenannten ‚Atomzeitalters‘, [...] bewegte sich, zumal in der
Frühphase, ganz in einem Hochspannungsfeld zwischen apokalyptischen Horrorszenarien auf
der einen Seite und religiös verbrämten Utopien paradiesischer Zustände andererseits.“ Ulrich
Krökel: „Bombe und Kultur“. Künstlerische Reflexionen über die Atombombe von Hiroshima
bis Černobyl. In: Michael Salewski (Hg.): Das nukleare Jahrhundert, S. 188–216, hier S. 188.
Friedrich Dürrenmatt soll angemerkt haben, dass in „diesem wundervollen Pilz, der da auf-
steigt und sich ausbreitet, makellos wie die Sonne“ „Massenmord und Schönheit eins werden“.
Schmid: Im Schatten der Atombombe, S. 6.
78 William L. Laurence: Dämmerung über Punkt Null. Die Geschichte der Atombombe. Inns-
bruck: List 1948, S. 21. Orig.: Dawn over zero. The story of the atomic bomb (1946).
Atomfaszination und Atomangst 317
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918