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In diesem Text werden erst nach langen Ausführungen über die Gefahren der
Atombombentests für alle Lebewesen auf subtile Weise politische Anschauun-
gen eingebracht, indem den USA als einziger großer Atomwaffenmacht und der
Fraktion Adenauers in der BRD unterstellt wird, sich nicht ausreichend im Kampf
gegen die Bedrohung zu engagieren. Dem wird dann aber nicht in erster Linie
die Sowjetunion gegenübergestellt, sondern vielmehr die „Weltbewegung gegen
den Atomtod“,131 bestehend aus Gewerkschaften, sozialistischen Parteien und
blockfreien Staaten, dem Papst,132 Atomforschern wie die ‚Göttinger Achtzehn‘
oder der im Zitat genannte Albert Schweitzer.
Richard Nilius (=
Nimmerrichter) weist schon 1950 auf die verdeckte KP-Pro-
pagandastrategie des Atomwaffenprotests in einem Artikel in der Arbeiter-Zei-
tung hin. Er beschreibt unter dem Titel Wahre Geschichten aus fünf Jahren in
polemischer Absicht ein Gespräch mit kommunistischen Aktivisten zwischen
Tür und Angel. Die Aktivisten erkundigen sich: „‚Sind Sie für den Frieden?‘/
‚Ah freilich!‘, sage ich. / ‚Und gegen die Atombombe?‘ / ‚Sogar gegen gewöhnli-
che Schießgewehre. Und gegen alles Militär.‘“133 Der Ich-Erzähler soll daraufhin
eine Friedensresolution unterschreiben, weigert sich aber, weil diese sich nicht
gegen das sowjetische Militär richtet. Die darauffolgende beredte Propaganda
der Aktivisten, die ihn umstimmen soll, quittiert er schließlich mit: „Es ist, als
ob ich auf meinem Radio versehentlich die Russische Stunde eingestellt hätte.“
Diese kurze Erzählung hat ihre Pointe darin, dass der Ich-Erzähler den Unter-
schied zwischen dem Bekenntnis zu Frieden und atomarer Abrüstung und den
Zielen der kommunistischen Friedenspropaganda aufdeckt. Pointiert wirkt dies
aber erst vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Diskurses, in dem die Grenz-
ziehung zwischen kommunistischer Friedenspropaganda und parteipolitisch
ungebundenem Engagement für den Frieden oft schwierig war. Schon die bloße
künstlerische Gestaltung eines Atomprotests oder das Engagement für die Anti-
atombewegung konnte als gefährliche Nähe zum Kommunismus gedeutet wer-
den. In diesem Sinn wurde etwa Ulrich Becher immer wieder als Fellow-Travel-
ler verdächtigt, da sich seine Texte wiederholt gegen die atomare Aufrüstung
wenden. Seine Novelle Die Frau und der Tod (1949) setzt sich mit der vernichten-
den Wirkung der Bomben von Hiroshima und Nagasaki auseinander, die in der
Siegesstimmung der USA nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Blick gera-
ten konnte. Eine westdeutsche Rezension der Novelle zeigt sich „verstimmt“,134
131 Ebd., S. 14.
132 Vgl. ebd., S. 13. Tatsächlich waren die kirchlichen Vertreter 1957 noch sehr zögerlich in pun-
cto Atomprotest, was mit ihrer westlichen Orientierung im Kalten Krieg zu erklären war. Vgl.
Gerster: Friedensdialoge im Kalten Krieg.
133 Richard Nilius (= Nimmerrichter): Wahre Geschichten aus fünf Jahren. In: Arbeiter-Zeitung,
8.6.1950, S. 6.
134 Rolf Becker: Amerika, hast du es besser? [Rezension zu ‚Nachtigall will zum Vater fliegen‘ u.a.]
In: Neue Ruhr-Zeitung [Essen], 16.9.1951.
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336 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918