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international network of agents“.39 Dieses „Supervillain“-Schema hat später
durch Ian Flemings ebenso actionreiche wie burleske James-Bond-Romane
weltweite Berühmtheit erlangt.40 Wiesinger verwendet es im zweiten Entwurf
zu Die Sklavenbrigade offenbar, um allzu nahe liegenden politischen Referen-
zen aus dem Weg zu gehen. Die Gründe für diese Entschärfung sind schwer zu
rekonstruieren. In einem späteren Text widmet sich Wiesinger gerade diesem
Thema. Er kündigt Hans Weigel gegenüber an, ihm eine Novelle widmen zu
wollen,
die einen der sehr selten vorkommenden erhebungungen [sic!] der häftlinge in si-
birischen Lagern zum vorwurf hat. ich habe versucht, all mein können, soviel ich
mir bisher aneignen konnte, all meine liebe zu den opfern totalitärer regierungen
und all meinen hass gegen solche system [sic!] hineinzulegen.41
Wiesinger gibt sich zumindest seinem bewunderten Gönner Weigel gegenüber
als nachgerade militanter Antikommunist. Über sein am 26. Oktober 1959 im
Linzer Landestheater aufgeführtes Drama mit dem Titel X tritt 3 = 0 schreibt er
an Weigel, es
war ursprünglich mit dem titel ‚steppenwind’ versehen und schilderte die ver-
hältnisse unter den nkwd-tigern. das war nicht opportun, wir sind ja so neutral,
und niemand darf beleidigt werden, also zeit und ortlos umgeschrieben und mit
neuem titel versehen, dann war der herr landeshauptmann zufrieden.42
16 Jahre später beschreibt er die Veränderungen im Stück in einer kommunis-
tischen Zeitschrift ganz gegenteilig:
Mein Stück ‚X tritt 3 = 0‘ am Landestheater Linz wurde gemeinsam mit Regisseur
Zbonek und dem damaligen Intendanten Schroer von seiner diktaturfeindlichen
39 Cawelti, Rosenberg: The Spy Story, S. 40.
40 „Fleming’s most important contribution to the revival of the heroic spy story was probably
the quality of humorous exaggeration or burlesque which he brought to these stories.“ Ebd.,
S. 52.
41 Karl Wiesinger an Hans Weigel, Brief vom 20.12.1953. In: Wienbibliothek, Nachlass Hans Wei-
gel, Archivbox
38. [Die Interpunktion in diesem Zitat ist normalisiert.] Diese Novelle trägt den
Titel otkastschiki. Vgl. Karl Wiesinger an Hans Weigel, Brief vom 21.1.1954. In: Wienbiblio-
thek, Nachlass Hans Weigel, Archivbox
38, sowie die Briefe Wiesingers vom 2.2.1956 und vom
6.11.1956 aus Weigels Nachlass.
42 Karl Wiesinger an Hans Weigel, Postkarte vom 12.11.1959. In: Wienbibliothek, Nachlass Hans
Weigel, Archivbox
38. [Die Interpunktion in diesem Zitat ist normalisiert.] Zu dem Drama vgl.
Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger, S. 91–100.
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362 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918