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Tendenz auf eine antikommunistische Tendenz umgefälscht. Die Diktatur durfte
nicht zum Tragen kommen. Antikommunismus immer.43
Der politische Standort Wiesingers, dem ein „Hang zum Mystifizieren und
zum Stilisieren der eigenen Biografie“44 nachgesagt wird, ist allem Anschein
nach nicht eindeutig fassbar, veränderlich und wohl auch durch Opportunismus
bestimmt, wie Walter Wippersberg andeutet:
Schon 1956 produziert die Sendergruppe Rot-Weiß-Rot in Linz Wiesingers ers-
tes Hörspiel „Wunderstadt in Afrika“, das die Rassentrennung in Südafrika an-
prangert, aber einen kapitalistischen Amerikaner unglaublich positiv zeichnet,
ein Zugeständnis offenbar an die Tatsache, daß Rot-Weiß-Rot ein amerikanischer
Sender ist.45
Wiesinger versuchte offensichtlich, vornehmlich mit Weigels Hilfe, in der
pro-westlich gesinnten Kulturszene zu reüssieren. Sein „antikommunistisches“46
Drama Der Poet am Nil (UA: 20. November 1951, Laienbühne „Scheinwerfer“
der Volkshochschule Linz)47 wurde etwa im amerikanischen Sektor der Stadt
Linz aufgeführt.48 1953 war er an der Organisation des „Linzer Kellertheaters“
beteiligt, das im örtlichen Amerikahaus Aufführungen zeigte.49 Weiters publi-
43 Karl Wiesinger: Das boshafte Schweigen – die Waffe des österreichischen Reaktionärs. Erfah-
rungen eines Autors. In: Weg und Ziel. Monatsschrift für Theorie und Praxis des Mar-
xismus-Leninismus 33 (1975) H. 1, Jänner, S. 46–48, hier S. 48.
44 Wippersberg: Ausgegrenzt, totgeschwiegen und diffamiert?, S. 76.
45 Ebd., S. 81. Vgl. Schnalzer-Beiglböck, S. 158. Die Sendergruppe Rot-Weiß-Rot war zu diesem
Zeitpunkt bereits in den ORF überführt, das Hörspiel wurde von der Landesstelle des ORF in
Linz gesendet.
46 Wiesinger schreibt in einem Brief an die Redaktion von Der Monat, dessen Durchschlag er
Hans Weigel zukommen lässt: „Der Poet am Nil ist antikommunistisch und die Situation ‚spricht
dagegen‘“. Karl Wiesinger an die Redaktion des „Monat“, Briefdurchschlag an Hans Weigel vom
25.6.1952. In: Wienbibliothek, Nachlass Hans Weigel, Archivbox
38. Wiesinger beschwert sich
hier, dass sein antikommunistisches Drama im Theater an der Josefstadt nicht angenommen
wurde und unterstellt politische Gründe. Er inszeniert sich in diesem Brief als flammender
Antikommunist, der das „Blutrot der Volksdemokratien“ anprangert. Seine Verteidigung Wei-
gels gegen den sozialdemokratischen Autor und Journalisten Felix Hubalek bleibt in politischer
Hinsicht jedoch verwunderlich, da die SPÖ im Allgemeinen einen scharf antikommunistischen
Kurs fuhr.
47 Vgl. Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger, S. 62.
48 Vgl. Wippersberg: Ausgegrenzt, totgeschwiegen und diffamiert?, S. 79.
49 Vgl. Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger, S. 54. Wiesinger bedankt sich in einem Brief vom
28.3.1953 bei Weigel, dass er ihm eine Lesung im amerikanisch finanzierten Kosmostheater
ermöglicht habe. Vgl. Karl Wiesinger an Hans Weigel, Brief vom 28.3.1953. In: Wienbibliothek,
Nachlass Hans Weigel, Archivbox 38. Spionage als Unterhaltung 363
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918