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Unbekannten, die über die Donau zu schwimmen versuchten und erschossen
wurden, mit Ungarn verbunden.
Der spätere Fährmann, Janos Tschamper, kommt aus diesem dämonischen,
bedrohlichen Reich und ist auf geheimnisvolle Weise immer noch damit verknüpft,
was ihn als ‚Spion‘ verdächtig macht. Ein Gast, der im Gasthof einkehrt, begegnet
ihm spontan feindlich: „Drüben, da braucht man Sie! (Zeigt nach drüben) Dorthin
ziehen Sie wieder. Kamen ja von dort. – Spion.“ (DB 220) Tschamper wehrt sich
gegen die Anschuldigung und versichert, mit der „Hölle“ (DB 221) auf der ande-
ren Seite nichts mehr zu tun haben zu wollen. Seine „Dämonenhaftigkeit“ (DB 224)
bleibt aber im weiteren Stückverlauf virulent. Dieses ominöse Dämonische wird
explizit mit dem Kommunismus assoziiert. Über eine mit dem Kommunismus
sympathisierende Lehrerin, die der Atmosphäre wegen an die ungarische Grenze
gezogen ist, erklärt die Gastwirtin Ilse Pfadenhauer: „Ein so rotgefleckter Papagei;
ist ganz für drüben, in ihrer Phantasie wenigstens. Unsichtbare Strahlen, die von
drüben zu uns herschwirren, durchzücken sie, meint sie. Sie liebt das Atmosphä-
rische da an der Grenze.“ (DB 212) Diese Lehrerin betrachtet Tschamper allerdings
als Überläufer: „Tschamper ist in meinen Augen ein Abtrünniger geworden, ein
Renegat! [...] Wird man’s ihm drüben wohl verübeln.“ (DB 232)
Tatsächlich sieht sich Tschamper im weiteren Handlungsverlauf noch mit
Forderungen von ‚Drüben‘ konfrontiert. Ein Bote, „dem das ‚Drüben‘ im Geha-
ben, in der Kleidung anzumerken ist“ (DB 239), erinnert ihn an seine Vergan-
genheit:
Täten dich die drüben aber gern sehen, Tschamper! Zur Verantwortung ziehen.
Hast, sagt man – nicht ich – deine Mission nicht erfüllt, bist ins andere Lager
hinüber – zum Szörök, dem Millionär, zu den Kapitalisten. [...] Du, du Verräter!
Du Verkehrter! (DB 241)
Schließlich versuchen der Fährmann Loth, dessen Status als Lebender oder Toter
unklar ist, und „[e]in halbes Dutzend fremd aussehender Männer“ (DB 281)
Tschamper zurückzuholen. Als er zu fliehen versucht, wird er erschossen.
In Billingers Drama erweckt der Spion, der im Auftrag einer dunklen, dämo-
nischen Macht handelt, Angst bei der Bevölkerung im Westen, jedoch hat er
selbst diese Macht zu fürchten, wenn er seinen Auftrag nicht zur Zufriedenheit
erfüllen kann. Diese doppelte Besetzung der Spionage mit Bedrohung und Angst
deckt sich mit den beiden einander bedingenden Momenten, die laut Horn den
Staatsterror ausmachen, „einerseits der paranoiden Angst des Staates vor seinen
Feinden – andererseits der Paranoia der Bürger in Bezug auf die staatliche
Macht“.73 Tschampers Dämonie ist Ausdruck der Angst vor dem Feind, der aus
73 Horn: Der geheime Krieg, S. 394 f.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
372 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918