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barkeit des Feindes zu, die daher rührt, dass der Spion unerkannt bleiben muss
und keine äußeren Merkmale die innere Konspiration mit der anderen Seite
verraten.77 Douglas Field spricht für die USA seit dem Beginn des Kalten Krie-
ges von einem „continuing struggle to identify and detain these ‚shadowy, entren-
ched enemies‘“.78 Die Unsichtbarkeit der ideologischen Ausrichtung einer Person
ergo des kommunistischen Spions, aber auch die Frage der ideologischen Mani-
pulation insgesamt werden zur Quelle von verbreiteten Ängsten in den USA zur
Zeit des Kalten Krieges.79 Die Latenz und Ungreifbarkeit der Bedrohung durch
echte oder vermeintliche Spionage bilden ein Kontinuum des Kalten Krieges.80
Diesen Umstand hat Karl Bruckner in seinem Jugendroman Nur zwei Robo-
ter? (1963) präzise gefasst. Im Zentrum dieses Romans steht ein Wettrennen der
beiden großen Kalten-Kriegs-Mächte um die Gunst der Weltbevölkerung, also
ein kultureller Kalter Krieg, der um die Hirne und Herzen der Bevölkerungen
der beteiligten Nationen geführt wird. Eine große Weltausstellung steht bevor
und beide Großmächte wollen sich durch die Konstruktion eines menschenähn-
lichen Roboters hervortun. Das Wissen um den technologischen Entwicklungs-
stand des gegnerischen Roboterprojektes kann den entscheidenden Vorteil brin-
gen. Deshalb wird ein sowjetischer Agent beauftragt, die streng bewachten
Pläne des US-Projekts zu beschaffen. Dieser Agent wird als perfekt getarnter,
sozusagen unsichtbarer Feind beschrieben: „Er unterschied sich also von den
Männern rundum ebensowenig, wie eine Konservendose in einem Stapel von
hundert anderen gleicher Art sich unterscheidet.“ (ZR 12) Der äußeren Unauf-
fälligkeit steht eine innere Andersartigkeit gegenüber:
[I]n dieser Zeit hatte sich die völlige Wandlung des Sowjetbürgers Lichatschow
zum amerikanischen Durchschnittsbürger Jonson vollzogen. Die äußerliche
Wandlung – nicht eine innerliche, eine seelische. Denn seine Seele gehörte Ruß-
77 Vgl. Engelhardt: The End of Victory Culture, S. 98. Alan Nadel: Cold War Television and the
Technology of Brainwashing. In: Field (Hg.): American Cold War Culture, S. 146–163. Vgl.
auch Brian Diemert: Uncontainable Metaphor. George F. Kennan’s ‘X’ Article and Cold War
Discourse. In: Canadian Review of American Studies/Revue Canadienne d’Etudes
Américaines 35 (2005) H. 1, S. 21–55, hier S. 34.
78 Douglas Field: Introduction. In: Ders. (Hg.): American Cold War Culture, S. 1–13, hier S. 2.
79 Marcus M. Payk konstatiert eine Zunahme der Angst vor dem unsichtbaren, inneren Feind in
Vertretern des Spionagegenres der westlichen TV-Kultur der 1960er-Jahre. Vgl. Marcus M.
Payk: The Enemy Within. (De)Dramatizing the Cold War in U.S. and West German Spy TV
from the 1960s. In: Annette Vowinckel, Marcus M. Payk,. Thomas Lindenberger (Hg.): Cold
War Cultures. Perspectives on Eastern and Western European Societies. New York, Oxford:
Berghahn 2012, S. 94–111.
80 Vgl. Brian Diemert: The Anti-American. Graham Greene and the Cold War in the 1950s. In:
Andrew Hammond (Hg.): Cold War Literature. Writing the Global Conflict. New York: Rout-
ledge 2006, S. 212–225, hier S. 213.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918