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Schilderung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse, unter denen halbwegs
normale Bürger zu Kriminellen werden.82
Diese Verhältnisse sind jene der unmittelbaren Nachkriegszeit in Österreich, die
von der Besatzung durch die Alliierten, den Zerstörungen des Krieges, Woh-
nungsnot, akutem Lebensmittelmangel und einem florierenden Schwarzmarkt
geprägt war. Die Vertreter der Besatzungsmächte verfügten über Güter und
Machtbefugnisse, welche die österreichische Bevölkerung dringend brauchte,
und konnten diese so instrumentalisieren. Mit diesem Umfeld hatten die Auto-
ren selbst Erfahrungen gesammelt. Dor behauptet, dass er und Federmann „die
Welt der kleinen und großen Schieber kannten“83 und konkreter, dass Federmann
im Rahmen der Arbeit für die Kulturredaktion einer Zeitschrift des französi-
schen Informationsdienstes auch ein Angebot für Informationsbeschaffung aus
sowjetisch kontrollierten Gebieten erhalten habe.84
Die Arbeiter-Zeitung kritisiert wiederholt die Ausgeliefertheit der öster-
reichischen Bevölkerung und das „Faustrecht fremder Besetzung“85. Die inten-
siven Aktivitäten der Geheimdienste in Österreich hätten „gar nichts mit dem
Besatzungszweck zu tun“, sondern seien nichts anderes „als eine Form des ‚kal-
ten Krieges‘, den die Besatzungsmächte auf unserem Boden gegeneinander füh-
ren – aber zu unserem Schaden und auf unsere Kosten.“ Schon 1948 hatte sich
dieselbe Zeitung entschieden gegen die Verhaftungen von „Spionen“ auf öster-
reichischem Boden verwehrt. Sie fragt rhetorisch: „Kann es und darf es in Öster-
reich militärische Geheimnisse geben, die irgendeinen Kundschafter, einen Spi-
on welcher Macht immer, interessieren können?“86 und grenzt sich dann
gegenüber den militärischen Zielen der Besatzer ab: „Die Großmächte mögen
es für notwendig halten, sich gegeneinander durch wachsende Aufrüstung zu
schützen. Wir haben damit nichts zu tun.“
Dor und Federmann hatten nach Angabe Dors von Franz Kreuzer, einem
Reporter der Arbeiter-Zeitung, Material erhalten, das sie für ihre Romane
82 Milo Dor: Nachwort. In: Dor, Federmann: Und einer folgt dem anderen, S. 187–189, hier S.
187.
83 Dor: Nachwort. Und einer folgt dem anderen, S. 188.
84 Vgl. Dor: Auf dem falschen Dampfer.
85 N.N.: Exterritoriale Unterwelt. In: Arbeiter-Zeitung, 12.1.1950, S. 1 f., hier S. 1. Folgende
Zitate ebd.
86 N.N.: Spionage in Österreich? In: Arbeiter-Zeitung, 23.6.1948, S. 1 f., hier S. 1. Folgende
Zitate ebd. In dem Artikel wird auch die Möglichkeit eingeräumt, dass es tatsächlich keine Spi-
onage in Österreich gibt, jedoch unter diesem Schlagwort unzulässige Verhaftungen politischer
Oppositioneller durch die sowjetischen Behörden vorgenommen werden.
Politische Unterhaltungsliteratur? 379
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918