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Nazi-Deutschland gegen Kriegsende entwickelt wurde, und das das Opfer nach
dem Krieg an verschiedene Geheimdienste zu verkaufen versuchte. Einer der
Mittelsmänner war jedenfalls ein gewisser Dr. Lutz, der Mörder von Blanche
Mandler. Zur selben Zeit berichtet die Arbeiter-Zeitung auch von einem Pro-
zess vor einem amerikanischen Gericht in München, bei dem sechs Angeklagte,
darunter ein ehemaliger NS-Funktionär, beschuldigt wurden, Zielgeräte für
Düsenjäger als Kriegsmaterial einer „ausländischen Macht“ angeboten zu
haben.92
Für den Spionagediskurs besonders interessant ist die finale Pointe von Und
einer folgt dem anderen. Das Zentrum all der geschilderten Recherchen, Verfol-
gungen, Überfälle und Morde ist leer, ein schon einmal angewendetes Täu-
schungsmanöver. Die Hysterie und die Verselbständigung der geheimdienstli-
chen Tätigkeit, die Spekulationen über den Feind, seine nächsten Züge, sein
Wissen oder Nicht-Wissen, wie sie diese Phase des Kalten Krieg kennzeichnen,
werden hier auf geradezu paradigmatische Weise deutlich gemacht. „‚Psychose‘,
sagte Mr. Robson lächelnd. ‚Sie wissen gar nicht, worum es sich handelt, und
bringen einander schon um. Um nichts. […]‘“ (EFA 175) Eine Diagnose, die
Horn in ihrer Studie über den „Geheimen Krieg“ über fünfzig Jahre später ganz
ähnlich stellt. Weil der Konflikt der Großmächte aufgrund der Atomwaffen nicht
als realer Krieg auszutragen war, sei der „Geheime Krieg“ an seine Stelle getre-
ten, verselbständigt und nunmehr ohne realen Gehalt.93
In Internationale Zone wird der Kampf zwischen mehreren Schmugglerban-
den geschildert, die sich mit den Besatzern arrangiert haben. 94 Damit wird die
Problematik der uneinheitlichen Machtausübung durch die Besatzer in Öster-
reich angesprochen. Einheimische konnten von Seiten einer Besatzungsmacht
zu kriminellen Aktivitäten wie Menschenhandel bewegt, zugleich aber damit
erpresst werden, da andere Besatzungsmächte diese Handlungen bestrafen konn-
ten. Ein wichtiges Ziel der Besatzungsmächte war schon kurz nach Kriegsende
die Sammlung von Informationen über die anderen Besatzungsmächte, wobei
ihnen einerseits die Vierteilung des Territoriums entgegenkam, andererseits aber
auch Frontstellungen an den Zonengrenzen, vor allem zwischen der sowjeti-
schen Zone und denen der westlichen Besatzungsmächte entstanden.95 Wien
wurde so „für östliche Nachrichtendienste das ‚Tor zum Westen‘ bzw. umge-
92 Vgl. Arbeiter-Zeitung, 11.1.1950, S. 2.
93 Vgl. Horn: Der geheime Krieg, S. 312.
94 Zum Zigarettenschmuggel soll Dor Ende der Vierzigerjahre selbst Beziehungen gehabt haben.
Vgl. Herbert Eisenreich: Werter Herausgeber! In: Peter Grünauer (Hg.): Das große kleine Dorf
aus dem wir stammen. Für Milo Dor. Wien: Ed. Maioli 1983, S. 29–38, hier S. 29.
95 Dieter Bacher: Die KPÖ und die sowjetischen Nachrichtendienste. In: Karner, Stelzl-Marx
(Hg.): Stalins letzte Opfer, S. 189–203, hier S. 189. Politische Unterhaltungsliteratur? 381
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918