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schablonen- und liniengetreu“;38 eine dieser ‚Schablonen‘ ist der Dekadenzvorwurf
an die kapitalistische Gesellschaft.39 Der jugoslawische Präsident, der im Drama
den Namen Pablo Malabranca trägt, wird als Gegenteil eines Décadents, als vitale,
kämpferische Natur, dargestellt. Sein Auftrittstext lautet: „Angekommen, trotz
Wind und Wolkenbruch. Der Kerl wollte nicht fliegen, aber wenn ich fliege, wird
nicht abgestürzt. Das würde meinen Feinden zu viel Spaß machen.“ (GV 13) Mal-
abranca trotzt dergestalt ebenso den Natur- wie den politischen Gewalten. Um
seine allzu starke, selbstbewusste Persönlichkeit auch gegen die sowjetische Bevor-
mundung durchzusetzen, hat Malabranca laut der streng bipolaren Logik, die das
Drama in Szene setzt, nur die Wahl, mit dem Westen zu paktieren.
Die Figurenzeichnung markiert westliche Figuren im Gegensatz zur schema-
tischen Zeichnung der bärenjagenden, vom Widerstandskampf gestählten Jugo-
slawen als dekadent. So erklärt der englische Major Robin Leslie: „Mit uns stirbt
eine Welt, das ist wahr. Aber im Fieber des Todes wachsen uns Riesenkräfte. Wir
sind ansteckend.“ (GV 8) Er räsoniert immer wieder über den bevorstehenden
Untergang seiner eigenen kapitalistischen „Klasse“ und den des Westens: „Es ist
ein sonderbares Gefühl, einer untergehenden Klasse in einem untergehenden
Weltreich anzugehören.“ (GV 27) Die amerikanische Journalistin Annabell Stimp-
son wird von einer einfachen Frau aus dem jugoslawischen Volk als „angestri-
chenes Gerippe“ (GV 43) bezeichnet. Das Gerippe deutet als Todesallegorie auf
den Verfall westlicher Kultur hin. Robin Leslie nennt Annabell einmal „[d]as
grellgeschminkte Nichts“. (GV 19) Auch das Nichts ist mit dem Tod assoziiert.
und dem seiner Mitarbeiter, sondern vor allem in der Ausbeutungspolitik, die die Sowjetuni-
on gegenüber ihren Satelliten betreibt [...]. Er [Fischer] übersieht dabei unseren Weg, den sozi-
alistischen europäischen Weg, den zu einem lebensfähigen und lebenswerten Raum zu ver-
breitern die Aufgabe unserer Generation ist.“ Fedor: Der große Verrat. In: Trotzdem [Zeitschrift
der Sozialistischen Jugend Österreich] 3 (1950) H. 9, 6.–19.5.1950, S. 3. Dor erwähnt diesen
„Verriß“ in seiner Autobiographie. Dor: Auf dem falschen Dampfer, S.
237. Seine dort ausführ-
licher gestaltete scharfe Kritik ist aus seinem persönlichen politischen Engagement und seiner
Gefährdung, als „Titoist“ in ein Zwangslager gebracht zu werden, nur allzu verständlich. Vgl.
ebd., S. 294 f.
38 h.h.h.[= Hans Heinz Hahnl].: Volksdemokratisches Panoptikum. In: Arbeiter-Zeitung,
16.4.1950, S. 7.
39 Fischer verwendet in einem Aufsatz von 1949 die in der Literatur der Jahrhundertwende ver-
breitete Thematik der Dekadenz zu politischen Zwecken und proklamiert eine „Verwesung“
des Bürgertums. Vor 1914 sei es eine Aufgabe der Literatur gewesen, „die kompliziertesten
Seelenfasern des Herrn Maier [...] bloßzulegen und in dieser flimmernden Zersetzung, in die-
ser pathologischen Auflösung der Persönlichkeit die allgemeine gesellschaftliche Verwesung
indirekt darzustellen; Schriftsteller, wie Marcel Proust, wie James Joyce, haben sich dieser Auf-
gabe mit peinlicher Gewissenhaftigkeit unterzogen und den denkenden Zeitgenossen genü-
gend klargemacht, daß diese Bürgerwelt durchaus reif ist, sich in Gas zu verflüchtigen und in
Explosionen unterzugehen.“ Ernst Fischer: Kunst und Menschheit. Wien: Globus 1949, S.
10
f.
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408 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918