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Während die „Untermenschen“ nur als Versuchsmaterial gesehen werden,
sollen diese Versuche der Gesundheit der „Menschen“ dienen. Dieser Status ist
jedoch leicht zu verlieren, wie der Protagonist erkennen muss, als er in einem
Atomkrieg – der Horrorvision des Kalten Krieges – zwischen dem Deutschen
Reich und den von Japan unterjochten asiatischen Staaten strahlenkrank wird
und sich eingestehen muss, „durch und durch krank“ (FW 361) zu sein. In die-
sem Zustand gerät er in Gefahr, als minderwertig eingestuft und dem sicheren
Tod überlassen zu werden. Basils Roman zeigt deutlich, dass Krankheit die ande-
re Seite der Ideologie ist, die Stärke und Gesundheit mit Aggression assoziiert.
So behauptet die Radiopropaganda „daß eine harte, gefährliche Zeit harte Men-
schen erfordert, Menschen aus Stahl und Eisen, Menschen mit Eckzähnen, Men-
schen mit der Atomkraft und der Laser-Pistole in der Hand.“ (FW 259) Diesel-
be Atomkraft vernichtet jedoch im weiteren Handlungsverlauf die zugleich
angestrebte Stärke.
Wenn das der Führer wüßte erzählt zusammenfassend betrachtet die Geschich-
te der Agonie eines ideologischen Systems durch seine eigenen Prämissen, was
dadurch symbolisiert wird, dass das Bild Hitlers, das Höllriegl in seiner Woh-
nung aufgehängt hat und am Beginn des Romans betrachtet, ins Rötliche ver-
gilbt, aber auch der Atompilz, an dessen Strahlung der Protagonist tödlich
erkrankt, rötlich scheint: Auf der zweiten Romanseite wird das sich verdunkeln-
de Bild des „siech[en]“ Hitler beschrieben: „Zugleich aber, und dieser Eindruck
wurde von Mal zu Mal stärker, hatte die nach und nach sich ausbreitende rosa
Finsternis etwas vom Flackerlicht eines Brandes.“ (FW 12) Im letzten Teil des
Romans erlebt der Protagonist die Atmosphäre nach der nahen Detonation einer
Atombombe:
Der Himmel hatte sich brandig verfärbt, eine fahle Sonne schwebte wie ein künst-
liches Gestirn in den tief dahinfliegenden lavafarbenen Wolken. Die orangene
Feuerwand war erloschen – an ihrer Statt hatte sich ein fleckiges Rosa über den
westlichen Himmel ausgebreitet. Es war das Rosa des Führerbildes in Höllriegls
Wohnung. (FW 308)
Der Roman beleuchtet den Untergang des Systems, das zwischen stark und
schwach, krank und gesund, wert und unwert in rigider Weise unterscheidet,
und gerade darum selbst eine nicht zukunftsfähige Praxis darstellt. Damit greift
er die Überreste der NS-Ideologie nach 1945 an, die auch innerhalb der Ideolo-
gien der Kalten Kriegs-Mächte teilweise fortwirken oder Äquivalente finden.
In einer „kranken, verderbten Welt“ (AT 82) leben auch die Figuren in Fried-
rich Heers dystopischem Roman Der achte Tag. Der Text schildert das Leben
unter der Herrschaft eines hochgradig zweckrationalisierten Regimes, eines
„Totalbetriebes“ (AT 350), das Menschen und Lebewesen als bloße materielle
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
424 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918