Page - 455 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 455 -
Text of the Page - 455 -
An diesen Ausführungen wird die seit Frühjahr 1947 zunehmend dualistische
Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive der Sowjetunion deutlich. Mit „Sozi-
alismus“ antizipiert der Text das „Lager der wahren Demokratie, des Fortschritts,
des Friedens und des Antifaschismus“, dem das Lager der „kriegshetzerischen,
imperialistischen und faschistischen Reaktion mit seinem Wahrheitsrelativis-
mus und seiner volksfremden Kultur diametral und unversöhnlich“60 gegen-
überstand. In Schdanows Teilung der Welt spiegelte sich auch Stalins Befürch-
tung wider, dass sich ein feindliches Bündnis, wie das der ‚blockfreien Staaten‘,
welches Tito anstrebte, gegen die Sowjetunion verschwören würde. Dem Stück
ist eine starke Anti-West-Polemik eingeschrieben, die in der Erschießung des
englischen Spions Robin ihre blutige Realisierung und Klimax findet. Robin
erklärt bei seinem ersten Auftritt, dass der Kommunismus dem Kapitalismus
„moralisch […] turmhoch überlegen“ sei (GV 8), letzterer jedoch seine Ressour-
cen aus einer „glänzende[n], verführerische[n], attraktive[n] Unmoral“ (ebd.)
schöpfe und die von den USA propagierte „Freiheit“ als das „Recht des Ameri-
kaners“ definiert, „in jedem Land zu tun, was ihm beliebt“. (GV 20) Damit wird
der Freiheitsbegriff des Westens nicht nur spöttisch umgedreht, sondern Fischer
rechtfertigt damit auch den Mord an dem Spion. Wie Evelyn Deutsch-Schreiner
kritisiert hat, würde Fischer damit die „Kunstwirklichkeit des Theaters“ miss-
brauchen, um den Mord an Robin als eine Tat zu präsentieren, die positiv ist
und zur Identifikation einlädt, jedoch in der „realen Welt nicht vertretbar wäre,
weil sie verbrecherisch ist“61. Fischer legitimiere den „politischen Interessens-
mord“ durch das Argument, Robin sei ein „überflüssiger“ Mensch und gehöre
ohnehin einer dem Untergang geweihten Klasse an.62
Gleichermaßen, wenn auch zeitlich eineinhalb Jahrzehnte früher als Fischers
Drama entstanden, unternimmt das Jugendbuch Sally Bleistift in Amerika eine
unverhohlene Apologie der jungen Sowjetunion angesichts der sozial prekären
Zustände in den USA. Die Parteilinientreue des Buches wird auch daran ersicht-
lich, dass es in der DDR zum schulischen Kanon zählte. Lazar selbst lebte ab
1949 in der DDR, wo der Text mehrfach wieder aufgelegt wurde. Es wird hier
für Kinder und Jugendliche verständlich verdeutlicht, was Imperialismus im
marxistisch-leninistischen Begriffsverständnis bedeutet, nämlich die „unum-
schränkte ökonomische und politische Herrschaft der Monopole“ und er wird
gleichgesetzt mit einem „faulende[n], parasitäre[n] und absterbende[n] Kapita-
lismus“, sodass „die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse und der
Übergang zum Sozialismus zu einer historischen Notwendigkeit wird“.63
60 Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 133.
61 Deutsch-Schreiner: Theater im „Wiederaufbau“, S. 168.
62 Vgl. ebd.
63 Buhr, Kosing: Kleines Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, S. 75.
Kommunistische Propaganda-Texte 455
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918