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Spottnamens den Künstlernamen Hans Uwe Hasil annimmt. Nachdem er bei
einer Deutschschularbeit Verse Friedrich Schillers dadaistisch bearbeitet hat
(aus „der Menschheit Würde ist in eure Hand - -“ extrapoliert er „schnürarsch
/ arsch“, K 6) und vom Gymnasium geworfen wird, soll er eine Lehre als Maler
und Anstreicher absolvieren. Sein Fall wird jedoch dem berühmten Kunstkriti-
ker Klaus Böß bekannt, der konstatiert, dass Hasil nicht nur begabt, sondern,
dass seine „Verse des Anstoßes […] vom Zeitgeist bestimmt“ wären, die „der
Diktatur der Unbegabten den tödlichen Stoß“ versetzen und durch „semanti-
sche Kühnheit“ (K 11) brillieren würden. Hasil gewinnt mit einer Erzählung, in
der er ganze Abschnitte aus Werken Franz Kafkas abgeschrieben hat, den ersten
Preis beim Jugendwettbewerb der literarischen Zeitschrift „Perfektion“ und
erlangt damit einige Bekanntheit. An einem Ort an der Grenze, wo er sich zur
künstlerischen Kontemplation zurückzieht, wird Hasil, der unabsichtlich die
Grenzlinie übertritt, in die VVR verschleppt. Dort als Spion und potentieller
Saboteur angeklagt, wird ihm durch einen VVR-General eine Aufgabe zur Bewäh-
rung gestellt, nämlich die Überlegenheit der östlichen Kunst über ihren Konter-
part im Westen mittels eines neuen „Ismus“ zu beweisen: „Sie werden für uns
ein Werk schaffen, ein spektakuläres Werk, ein Meisterwerk, erregend, faszinie-
rend, sensationell!“ (K 88) Ansonsten drohe ihm die Liquidierung. So zeigt ihm
der General eine Plastik, die seine sechsjährige Tochter aus Kartons angefertigt
hat und schlägt ausgehend davon eine neue Art der Bildhauerei vor, mit der die
VVR „die Welt noch schockieren, faszinieren, erobern“ (K 98) werde. Die Absicht
des VVR-Generals ist es, „der staunenden Welt“ zu beweisen, dass „eine voll-
kommene moderne Kunst nur in einer vollkommenen Volksrepublik gedeihen
kann“ (K 94). Hasil liefert den geschraubten Namen für diese absurde Schach-
telkunst: „Kartonismus“ (K 99).
Henz’ Roman überblendet die Kunstkonkurrenz des Kalten Krieges mit einer
Abrechnung die modernen Strömungen in Literatur, Musik und bildender Kunst
betreffend. Er selbst hat retrospektiv festgehalten, dass er mit dem Kartonismus,
„den Kasperln und Wort- und Bildhutschenschleudereren auf die Zehen getre-
ten“14 wäre. Von seinem Kunstverständnis her traditionell eingestellt, zählte er
zu jenen, die die Fäden im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit fest in der Hand
hielten und neueren Strömungen in der österreichischen Literatur ablehnend
gegenüberstanden, wovon nicht nur seine langjährige Herausgeberschaft der
offiziösen, vom Bundesministerium für Unterricht geförderten Literaturzeit-
schrift Wort in der Zeit (1955–1965) zeugt. Als Gründer der „Katholischen
Aktion“ und langjähriges Mitglied des „Österreichischen Kunstsenats“ zählte er
zu jenen Exponenten des Kulturbetriebs, die die katholisch-konservativen Rah-
menbedingungen konstituierten, mit denen sich österreichische Künstler in der
14 Rudolf Henz: Fügung und Widerstand. 2., erw. Aufl. Graz, Wien, Köln: Styria 1981, S. 352.
Freiheit und Doktrin: Abstraktion vs. Sozialistischer Realismus 467
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918