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seine Belegschaft bewilligten oder stimmten gegen Veröffentlichungen von Tex-
ten, die die Verlage einsandten, unterhielten Informantinnen und Infromanten
in der Verlagsindustrie, auch derjenigen Verlage, die als politisch links orientiert
galten, sodass Hoover über Bücher mit vermeintlich subversivem Inhalt sofort
Bescheid wusste:
Hoover feared that the modernist writers were participating in a movement to de-
stabilize American democracy; that modernism was seditious; that it could spoil
everything that was good and clean about the nation and hasten the nation’s devo-
lution; and that it was filthy, vulgar, and radical.71
Auch im Osten unterlag die Avantgarde dem Generalverdacht politischer Sub-
versivität. So hielt es etwa das „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS) der DDR
für notwendig, sich gegen zeitgenössische kunsttheoretische Schriften Argu-
mentationshilfen zuzulegen. An der MfS-Offiziersschule wurde eine Broschüre
herausgegeben, die sich mit Ernst Fischers Thesen aus dem Essayband Kunst
und Koexistenz (1966) befasste und dessen „konterrevolutionäre Ideen“ entlarv-
te.72 Für einen Oberleutnant des MfS war der Essayband nicht ein „Beitrag zur
marxistischen Ästhetik“, wie der Untertitel lautete, sondern vielmehr ein „ver-
leumderischer Angriff auf die aktuelle Politik der kommunistischen Parteien in
den europäischen sozialistischen Ländern“73. Offiziersanwärter sollten durch die
Lektüre der Broschüre darauf vorbereitet werden, die Verbreitung von Fischers
Thesen in der DDR zu verhindern. In Österreich bemerkte Bruno Frei 1963 bei
einer Diskussion über die Kunst in der Sowjetunion, die vorherrschenden „Ismen“
des Westens wären dem Sozialismus und der Arbeiterklasse fremd. Er sah in den
modernen Kunstströmungen den „Ausdruck des Verfalls“ sowie eine „ideolo-
gische Waffe der Bourgeoise“.74
Die aus heutiger Sicht paranoid wirkende, damals aber auf beiden Seiten des
Kalten Krieges verbreitete Vorstellung, dass Kunstwerke eine Bedrohung dar-
stellen, indem sie einen Code transportieren, welcher der jeweils eigenen Seite
schaden kann, greift auch Henz im Kartonismus auf. Hasil, der an der Grenze
zur VVR verhaftet wird, trägt ein dadaistisches Gedicht mit sich, das die
71 Ebd.
72 Schmole: Operationsgebiet Österreich, S. 224.
73 Oberstleutnant Rudolf Hofmann (JHS, Prorektor für marxistisch-leninistische Grundlagen-
ausbildung): Information aus aktuellem Anlaß zu dem im Hamburger Rowohlt Verlag im Okto-
ber 1966 veröffentlichten Buch von Ernst Fischer, Österreich, ‚Kunst und Koexistenz. Beitrag
zu einer modernen marxistischen Ästhetik‘, April 1968, zit. n. Schmole: Operationsgebiet
Österreich, S. 224.
74 N.N.: Aussprache über die Kunstdiskussion in der Sowjetunion. In: Tagebuch 18 (1963) H.
6/7, S. 8.
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486 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918