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größten jüdischen Geist, Einstein, diffamierend wegen seiner ‚neutralistischen
Haltung im kalten Kriege‘ (eines aus der Reihe törichter Zeitschlagwörter: wann
und wo in der bisherigen Geschichte wäre sogenannter Frieden andres gewesen
als ‚Kalter Krieg‘?) (KV 60)
Becher charakterisiert hier die durch den Kalten Krieg geformten kulturpoliti-
schen Fronten in Wien, wo der Kalte Krieg mit „unerhörter Akribie”90 geführt
wurde. Er selbst hat sich in autobiographischen Zeugnissen darüber beklagt,
selbst Opfer eines Boykotts geworden zu sein.91 Auch über weltbekannte Künst-
ler wurde das Verdikt verhängt, sie seien kommunistische Sympathisanten. Als
1951 der „Weltfriedensrat“ im Wiener Kursalon tagte, wurde Pablo Picasso, ein-
geladen vom Direktor der Albertina, erwartet. Dieser machte die Einladung
rückgängig, da er politisch unter Druck gesetzt wurde. Der Direktor des Kunst-
historischen Museums ließ Picasso mitteilen, er könne seine Sammlungen zwar
besuchen, aber nur als Privatperson mit kleiner Entourage, da man befürchtete,
Picasso würde seinen Auftritt im Museum als Bühne für kommunistische Pro-
paganda benutzen. Als in München Picassos Werke, darunter Guernica (1937)
und Massaker in Korea (1951) ausgestellt wurden, reagierten die österreichischen
Kunstkritiker mit „gefrorenem Schweigen, larmoyantem Unverständnis oder
aggressiver Polemik, als ob im west-östlichen Kulturkampf der 38. Breitengrad
überschritten und die eigene Kunst angegriffenen worden wäre“.92
Auch als Nobelpreisträger war man nicht gegen Polemiken gefeit: Thomas
Mann wurde von Friedrich Torberg aufgrund seines Engagements für die Welt-
friedensbewegung und Aussagen wie „Ich bin und war immer ein Mann des
90 Ebd., S. 214.
91 In einem Brief an den Kunstkritiker Johann Muschik vermerkt Becher: „[…] seit 54, also seit
7 Jahren konnte der Faschist Torberg dafür sorgen, daß ich auf dem Wiener Theater und in der
Wiener Presse boykottiert wurde.“ Vgl. Ulrich Becher an Johann Muschik, Postkarte vom
5.4.1961; sowie ders. an Muschik, Brief vom 6.1.1962, ebd., sein Theaterstück Mademoiselle
Löwenzorn wäre auf „Betreiben der Weigel-Torberg-Meute“ auf Wiener Bühnen nicht gespielt
worden. Vgl. Ulrich Becher: In memoriam Hohner-Baby. In: Ders.: SIFF. Selektive Identifizie-
rung von Freund und Feind (Selective Identification of Friend and Foe: Radar-Code der US-Na-
vy im Zweiten Weltkrieg). Zürich, Köln: Benzinger 1978, S.
140–146, hier S.
144: „Eine gewis-
se Spezies von Emigrantenschreibern, die früher mal links taten, sich eines Rechteren bis
Ultrarechteren besannen und im Exil verschweinten wie Odysseus’ Mannen auf der Kirke-In-
sel, diese Burschen („verhetzte Burschen“ nannte Thomas Mann sie), die nach dem Hitlerkrieg
den Kalten Krieg für sich pachteten und Ihren Korrespondenten zum Beispiel ab 1954 von der
Wiener Bühne verbannten, die er erst wenige Jahre zuvor mit den Spielen Der Bockerer und
Samba ‚erobert‘ hatte, pflegten zu erzählen, er habe in der kritischen Phase über ein Allschutz-
mittel verfügt, nämlich einen Schweizer Reisepaß. Nun, er hatte und hat keinen.“
92 Kerschbaumer: Der kalte Krieg gegen die Moderne, S. 182.
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492 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918