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nahestanden, ihn verlassen hatten.“ (HB 63) Später wird Krenek vom CIC erpresst,
Spionagedienste zu verrichten, und da er sich nicht kooperativ genug zeigt, ent-
führt und gefoltert. Stanzl, die ihn erst wenige Tage kennt, macht sich sogleich
Sorgen wegen seines Verschwindens und erstattet eine Vermisstenanzeige. Er
überlegt, was geschehen wäre, „wenn niemand sich eingemischt hätte [...] Sie
hätten mich gewiß auf eine immer raffiniertere und schärfere Weise gequält.“
(HB 110) Krenek ist sich bewusst, dass die Arbeiterin Stanzl „zweimal im ent-
scheidenden Augenblick helfend in sein Leben eingegriffen hatte“ (HB 117). Sie
macht ihn auch mit einem Arbeiter bekannt, der ihm einen Posten als Fabrik-
sportier anbietet, den er schließlich annimmt. Das Leben in Arbeiter- und Arbei-
terinnenkreisen, das er durch Stanzl kennenlernt, scheint ihm Halt und eine
Aufgabe zu bieten:
Wer wollte ihm, dem Maler Ferdinand Krenek, verwehren, in diesem Leben un-
terzutauchen, zu verschmelzen mit diesen einfachen, unproblematischen Men-
schen – festen Boden unter den Füßen zu gewinnen und den Sumpf hinter sich zu
lassen, in dem die Ratten [Name der Künstlergruppe, der er zunächst angehört,
Anm. d. Verf.] herumplätscherten? (HB 214)
Schließlich bietet Stanzl Krenek aus Mitleid sogar ein Zimmer in der Wohnung
an, die sie für sich und ein Waisenkind mühevoll durch einen Sitzstreik und mit
Hilfe von solidarischen Passanten erkämpft hat. Ihre bereitwillige Hilfe und
Menschlichkeit ermöglichen Krenek, ein neues Leben anzufangen, das ein Arbei-
ter mit einem „Heilungsprozeß“ vergleicht, den allerdings niemand dem Pati-
enten abnehmen könne und den er „doch allein durchkämpfen“ (HB 260) müs-
se. Insofern wird propagandistisch zielgerichtet eine individuelle Anstrengung
verlangt und die Politisierung nicht einem gleichsam automatisch ablaufenden
Prozess der Vergemeinschaftung überlassen.
Wantochs Roman inszeniert mit der Figur Kreneks – ebenso wie die Dramen
Fischers – einen jungen Intellektuellen, der sich von einem unpolitischen, libe-
ralen, aber unsicheren Lebensstil dem Arbeitermilieu und dessen politischen
Zielen zuwendet. Diese Wendung wird jeweils durch emotionale Bindungen an
Frauen bewirkt, die sich politisch engagieren und für Ziele der kommunistischen
Ideologie eintreten oder diese – wie Anita – sogar verkörpern. Damit wird auf
den hohen Stellenwert hingewiesen, den zwischenmenschliche Beziehungen für
die kommunistische Ideologie haben.37 Die Bedeutung der zwischenmensch-
37 Dieser Ideologie ist freilich gegenüberzustellen, wie schwierig sich Freundschaftsbeziehungen
in der sowjetisch dominierten Gesellschaft tatsächlich gestalteten. Vgl. Doris Danzer: Zwischen
Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Bezie-
hungen (1918–1960). Göttingen: V&R unipress 2012.
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522 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918