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Federmann lässt keinen Zweifel daran, wie scharf er den sowjetischen Kommu-
nismus mit seinem Roman verurteilen wollte, verwehrt sich aber einerseits gegen
eine Erzählhaltung, die „Helden“80 imaginiert, andererseits gegen die Unterstüt-
zung fragwürdiger antikommunistischer Tendenzen, da diese zur Kopie eines
bipolaren, manichäischen Weltbildes führen können, das auch totalitäre Regime
kennzeichnet und zum Teil in der Tradition des nationalsozialistischen Antibol-
schewismus stehen. Federmann bildet damit ein Beispiel dafür, dass Personen
aus der politischen Linken, die sich nach 1945 gegen den Sowjetkommunismus
wandten, der Forderung nach einem eindeutigen Bekenntnis im Kalten Krieg,
die in kommunistischen Staaten und Gruppierungen stärker, aber auch in west-
lichen Kontexten vorhanden war, nicht immer Folge leisteten. Im Himmelreich
der Lügner bleibt am Ende vor allem das Misstrauen gegenüber jeder politischen
Ideologie.
Kritik an ideologischen Frontstellungen im Kalten Krieg
Noch deutlicher als in Federmanns Das Himmelreich der Lügner wird in Robert
Neumanns Festival (1962) die feste ideologische Positionierung im Kalten Krieg
kritisiert. Der Roman versucht eine solche eindeutige und ausschließliche Zuor-
denbarkeit zu unterlaufen, indem zwei Figuren einander spiegelbildlich gegen-
übergestellt werden, die planen, auf die Seite des jeweils anderen überzulaufen.
Es handelt sich einerseits um den polnischen Parteifunktionär Kostja, der mit
der Entwicklung des Sozialismus in seinem Heimatland nicht einverstanden ist
und seine einzige Beziehung in den Westen – zu seiner früheren Geliebten Mar-
guerite – nutzt, um seine Abschiebung in den Westen zu provozieren. Zunächst
erhält er eine Ausreiseerlaubnis im Rahmen eines internationalen Filmfestivals
und plant mit Hilfe Marguerites in Frankreich Fuß zu fassen, weil er nur außer-
halb der UdSSR persönliche Entfaltungsmöglichkeiten sieht. Er erklärt ihr sein
Fluchtvorhaben:
Es ist durchaus kein Bekenntnis zu der westlichen Welt. Sie ist faul. […] ich bin
schlimmer als ein Anarchist, schlimmer als ein faschistischer Nihilist – ich bin,
ich sagte es dir ja schon, ich bin ein altmodischer, wirklicher –! Ein Kommunist,
dem noch die alten Ideale im Pelze sitzen, als wären sie Läuse. Ich kann dort nicht
atmen! Ich muß dort weg! (F 258 f.)
Zwar handelt es sich bei Kostja um eine parodistische Figur, die keineswegs poli-
tische Ideale über den eigenen Vorteil stellt, jedoch reproduziert er hier ein gän-
80 Ebd.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
538 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918