Page - 539 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 539 -
Text of the Page - 539 -
giges Diskursmuster: Gerade der „wirkliche[...] Kommunist“, der die ursprüng-
lichen Ideale des Kommunismus vertritt, muss sich vom Ostblock abwenden.
Dass der „Schritt vom Kommunisten zum Exkommunisten“ gerade auch in der
„Treue zum eigenen kritischen Denken“ im Zeichen der Kontinuität stehen kann,
zeigt Rohrwasser am Beispiel Sperbers auf.81 Während Sperber allerdings 1937
am Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen aus der KP austritt, wen-
det sich Kostja erst Anfang der 1960er-Jahre zum Westen, was ihn zur Karikatur
eines Renegaten macht. Der eigentliche Grund für sein Renegatentum sind per-
sönliche Machtverlustängste. Ebenfalls als Parodie tritt die Fellow-Traveller-Fi-
gur des Großindustriellen und Waffenherstellers Gaston auf, die Kostja gegen-
übersteht. Gaston ist mit Marguerite seit siebzehn Jahren verheiratet. Er eröffnet
ihr nach dem Auftauchen Kostjas in Frankreich, dass er immer schon mit dem
Kommunismus sympathisiert habe, aber noch nicht die Zeit gekommen sah,
sich effektiv dafür zu engagieren und bittet sie, über Kostja einen Kontakt zu
Funktionären in Polen für ihn zu erwirken:
Ich habe nie der Partei angehört, das weißt du, ich bin kein Konformist, aber [...]
ich war immer sympathisant [sic!]. […] Die Situation war damals nicht reif für
den Sozialismus. Nicht bei uns! Ich bin kein Osteuropäer, er hatte es leicht, ich
konnte nicht nach dem Osten gehen, mein von der Vorsehung gewollter Platz war,
wo ich stand. Wo ich stand, hätte auch jeder andere mit den Hunden geheult. (F
265)
Tatsächlich treibt den mächtigen Großindustriellen nicht eine kritische Haltung
gegenüber den sozialen Ungleichheiten im Kapitalismus an, was die Motivation
vieler Fellow-Traveller war. Vielmehr fühlt er sich angesichts der wachsenden
technischen und wirtschaftlichen Macht der Sowjetunion von dieser angezogen
und wünscht sich – wo nicht dort neu anzufangen – wenigstens wirtschaftlich
einträgliche Kontakte aufzubauen, wobei ihm der ehemalige Geliebte seiner Frau
behilflich sein soll:
Wenn er [Kostja] heute heimgeht nach Warschau und denen die Wahrheit sagt,
daß ich im geheimen [sic!] immer schon zu ihnen gehört habe, daß ich hier im
Westen die Luft nicht mehr atmen kann, wenn er heimgeht und ihnen das sagt, er
mit seiner Position dort drüben –. (F 268 f.)
Die idiomatische Wendung, man könne die Luft auf der eigenen Seite nicht mehr
atmen, wiederholt sich sowohl beim Renegaten als auch beim Fellow-Traveller,
die zugleich beide von persönlichem Vorteilsdenken korrumpiert sind, anstatt
81 Vgl. Rohrwasser: Kommunist, Exkommunist, Antikommunist, S. 58.
Kritik an ideologischen Frontstellungen im Kalten Krieg 539
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918