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jedoch umstrittene Spende gewesen wäre, die „uns [den Österreicherinnen und
Österreichern] das Leben gerettet“ (TZ 133) hat. Als dieses Argument unwider-
sprochen bleibt, wundert sich Berthold, ob der Sprecher vielleicht Recht hat.
Im Verlauf des Romans gelangt Berthold, der zunächst irrtümlich annimmt,
er hätte die österreichisch-ungarische Grenze bereits übertreten, in einen Ort
nahe dem Grenzgebiet. Dort sind in der Volksschule ungarische Flüchtlinge
untergebracht. Berthold wird aufgenommen, in der Annahme, er sei ebenfalls
ein Flüchtling, jedoch ist er, wie er sich schnell selbst klar wird, „kein wahrhaft
Hilfsbedürftiger – oder Hilfewürdiger – […], kein Flüchtling und kein Held,
sondern – ein dummer Junge, der es daheim nicht ausgehalten hatte“ (TZ 172).
Um sich nützlich zu machen, hilft er den zwei jungen Töchtern des Lehrers bei
der Versorgung von Flüchtlingen, was nicht seinem Wunsch nach einer aben-
teuerlichen Beteiligung an dem Aufstand entspricht:
Ich hätte mich allein zwischen Feldern und Wäldern umherirren sehen … Ge-
fesselt auf einem Panzer gen Osten rollen … Verwundet oder kämpfend inmitten
junger Burschen in einer fremden Stadt … Aber mit zwei kleinen Mädchen im
Ziegenstall Schuhe putzen hätt’ ich mich nicht gesehen, nicht, wenn Harun al
Raschid mir jeden Abend eine Zukunftsvision aufgewogen hätte mit Gold und
Edelsteinen. (TZ 178)
Berthold bewundert die beiden Mädchen, die Opfer bringen, um den Flüchtlin-
gen zu helfen. Im Sinne der christlichen Nächstenliebe überlassen sie diesen ihre
Betten. „Genau so, wie die armen Leut jetzt zu uns, sind vor zweitausend Jahren
der heilige Josef und die heilige Maria nach Bethlehem gekommen.“ (TZ 180)
Bei aller Verurteilung der Sowjetunion formuliert der Roman aber auch Kri-
tik am Westen – Österreich exklusive, der nicht zugunsten der Ungarn einge-
griffen hätte. So erklärt ein verwöhnter Schulfreund Bertholds: „‚Mein Vater
sagt, den Europäern ist ihr Suezkanal wichtiger als ganz Mitteleuropa! Wen inte-
ressiert schon Ungarn? Uns, weil wir als nächstes drankämen. Das nennt man
‚Nächstenliebe!‘“ witzelte er. „‚Alles Schwindel!‘“ (TZ 112)
Das „versteinerte Schweigen“, mit dem der Westen den ungarischen Freiheits-
kämpfern geantwortet hätte, verurteilt auch der Exkommunist Manès Sperber:
Als sie den ungleichen Kampf aufnahmen, hatten sie auf unsere Hilfe gehofft. Als
sie starben, verzweifelten sie an einer freien Welt, die bereit war, mit ihnen den
Triumph zu teilen, nicht aber den Kampf. […] Eigentlich und rechtens müßte sich
der Westen damit selbst ausgetilgt haben.50
50 Manès Sperber: Der Westen darf nicht einmal weinen. In: Forvm 3 (1956) H. 36, S. 433–434,
hier S. 434. Der gute Samariter 563
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918