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15 VERSCHLEPPUNG UND MENSCHENRAUB
„[...] es gingen damals immer Gerüchte durch Wien, daß es ein Umschlagplatz wäre, daß
ein Menschenhandel getrieben würde, daß, in Teppiche gewickelt, Menschen und Papiere
verschwänden, daß jeder, auch ohne es zu wissen, für irgendwelche Seiten tätig wäre.“1
Ingeborg Bachmann
Österreich als gefährliches Terrain
Es würden sich zahlreiche Schundromane über die Verbrechen der Besatzungs-
mächte in Österreich schreiben lassen, so der Verfasser einer von der SPÖ her-
ausgegebenen Broschüre mit dem Titel Kriminalakt Österreich: „Nichtsahnend
bummelte Jim durch die 143.
Straße. Da brauste ein Packard heran, vier Männer
zerrten Jim in den Wagen, und ehe die Passanten begriffen, daß die ‚Blutige
Hand‘ ein neues Opfer geschnappt hatte, verschwand die unheimliche Limousi-
ne hinter dem nächsten Wolkenkratzer
…“2 Diesen fiktiven Fall von Verschlep-
pung durch Gangster in einem „Groschenroman“ parallelisiert der Verfasser mit
der Wirklichkeit Österreichs während der Besatzungszeit, wo sich täglich solche
Fälle ereignen würden: „Und wie ist es wirklich? Eine Frau geht einkaufen. Als
sie die Einfriedung des Volksgartens entlang eilt, taucht neben ihr ein ausländi-
sches Fahrzeug auf, die Insassen ziehen die Ahnungslose hinein und preschen
quer über den Heldenplatz zum beschlagnahmten Teil der Hofburg …“3
Der ehemalige österreichische Innenminister Franz Olah, ein wesentlicher
politischer Akteur im Kalten Krieg – als Präsident des Österreichischen Gewerk-
schaftsbundes war er an der Niederschlagung des sogenannten „Oktoberput-
sches“ 1950 beteiligt – erinnert sich an den „ungeheure[n] politische[n] Druck“
im sowjetisch besetzten Teil Österreichs „mit täglichen Verschleppungen“, die
„auch vor politischen Funktionären, ja selbst vor Abgeordneten“4 nicht Halt
machte. Damit spielt er auf den spektakulärsten Entführungsfall im Österreich
der Besatzungszeit an, nämlich die Verschleppung der hohen Ministerialbeam-
tin Margarethe Ottilinger im Jahr 1948, der damals in nationalen und interna-
tionalen Medien heftig diskutiert wurde. Die tatsächlichen politischen Hinter-
1 Ingeborg Bachmann: Malina. In: Dies.: Werke. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weiden-
baum und Clemens Münster. Dritter Band: Todesarten: Malina und unvollendete Romane.
München: Piper 1978, S. 9–337, hier S. 260.
2 Rupert Rindler (Hg.): Kriminalakt Austria. Zell/See, Wien: Vorwärts 1953, S. 3.
3 Ebd.
4 Franz Olah: Die Erinnerungen. Wien, München, Berlin: Amalthea 1995, S. 129 f.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918