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Emigration“ zu sehen ist, der mit seinen Romanen das NS-Regime kritisiert hat. Diese
These entspricht dem Selbstbild seiner 1963 veröffentlichten Autobiographie Fügung und
Widerstand. Die ersten Gedichte, die Henz nach 1945 in der Kulturzeitschrift Der Turm
veröffentlichte, stellen eine Kontinuität zu 1934 her. 1945 wurde Henz wieder als Pro-
grammdirektor der RAVAG eingesetzt, die unter der Verwaltung der sowjetischen Besat-
zungsmacht stand. In seiner Autobiographie beschreibt er die Schwierigkeiten bei der
Zusammenarbeit mit der sowjetischen Verwaltung und den Sendern der anderen Besat-
zungszonen. Neben kritischen Äußerungen gegenüber dem Kommunismus beschreibt
er als sein vorrangiges Interesse, einen gesamtösterreichischen und von den Besatzungs-
mächten unabhängigen Rundfunk aufzubauen. Henz hatte wichtige kulturpolitische
Funktionen in der österreichischen Nachkriegszeit inne. Ab 1945 war er im Vorstand der
Österreichischen Kulturvereinigung und gründete 1947 die „Katholische Aktion“, als
deren Präsident er bis 1954 fungierte. Er sprach sich nach 1945 stark für eine Trennung
von kirchlichen und politischen Funktionen aus. Henz war Mitglied der 1948 eingesetz-
ten „Zentralkommission zur Bekämpfung der NS-Literatur“. Er fungierte als Mitglied im
Ausschuss zur Wiedererrichtung des österreichischen PEN-Clubs, dessen Positionierung
im Rahmen des Kalten Krieges zunehmend kulturpolitisch relevant wurde. Ab 1955 gab
Henz die Literaturzeitschrift Wort in der Zeit heraus; Ziel der Zeitschrift, wie auch
ihres Nachfolgers Literatur und Kritik (ab 1966) war es, eine als eigenständig ver-
standene österreichische Literatur zu vermitteln. 1961 erschien sein Roman Die Nach-
zügler im Stiasny-Verlag, der die Geschichte eines ungarischen Historikers, der nach dem
„Ungarischen Volksaufstand“ 1956 nach Österreich flieht, erzählt. Der Roman wurde
sowohl in der Bundesrepublik als auch in Österreich breit rezipiert. Die Kritik würdigte
den im Roman vertretenen Glauben an eine göttliche Ordnung, die Henz mit der ideo-
logischen Auseinandersetzung des Kalten Krieges konfrontierte. 1965 erschien mit Der
Kartonismus ein weiterer Roman von Henz, eine Satire auf den kulturellen Kalten Krieg
und den Kulturbetrieb in Ost und West. Auch dieses Buch fand starke Beachtung bei der
Literaturkritik. 1946 wurde Henz der Professorentitel verliehen. Er wurde mit dem Öster-
reichischen Staatspreis für Literatur (1953), dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste
um die Republik Österreich (1954) und dem Preis der Stadt Wien (1956) ausgezeichnet.
Von 1967 bis 1980 fungierte er als Präsident des „Österreichischen Kunstsenats“.
Quellen:
Klaus Amann: Zahltag. Der Anschluß österreichischer Schriftsteller an das Dritte Reich. 2. erw.
Aufl. Bodenheim: Philo 1996, S. 168–185.
Wolfgang Hackl: Kein Bollwerk der alten Garde – keine Experimentierbude. „Wort in der Zeit“
(1955–1965). Eine österreichische Literaturzeitschrift. Innsbruck: AMŒ 1998.
Rudolf Henz: Fügung und Widerstand. Graz, Wien, Köln: Stiasny 1963.
Robert Mühlher: „Uns aber wird das Wort zum Weltgericht“. Gedanken zum Werk von Rudolf
Henz. In: Wort in der Zeit 1 (1955) H. 5, S. 1–6.
Karl Müller: Zäsuren ohne Folgen. Das lange Leben der literarischen Antimoderne Österreichs seit
den 30er-Jahren. Salzburg: Otto Müller 1990. 635Autorinnen-
und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918